In den vergangenen Jahren gehörte kaum ein Hamburger Start-up so regelmäßig zu den Hoffnungsträgern der Nachhaltigkeitsszene wie Traceless. Während viele junge Unternehmen nach einer erfolgreichen Finanzierungsrunde oder einigen Auszeichnungen wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden, hat das Harburger Unternehmen einen vergleichsweise seltenen Weg eingeschlagen: Es hat den schwierigen Übergang vom Labor in die industrielle Produktion geschafft.
Die Idee: Plastik ersetzen, aber anders
Gegründet wurde Traceless im Jahr 2020 als Ausgründung der Technischen Universität Hamburg. Gründerin Dr. Anne Lamp entwickelte ein Verfahren, bei dem pflanzliche Reststoffe aus der Agrarindustrie, also Nebenprodukte, die bislang kaum hochwertig genutzt wurden, zu einem neuartigen Werkstoff verarbeitet werden.
Anders als viele bekannte Biokunststoffe wird das Material nicht aus eigens angebauten Pflanzen wie Mais hergestellt, sondern aus Reststoffen der Agrarindustrie. Dadurch konkurriert der Rohstoff nicht mit der Lebensmittelproduktion. Stattdessen entstehen natürliche Polymere, die ohne fossile Rohstoffe auskommen und sich unter natürlichen Bedingungen biologisch abbauen können. Gedacht ist das Material insbesondere für Anwendungen, bei denen Kunststoff häufig in der Umwelt landet: Verpackungen, Beschichtungen, Einwegprodukte oder Klebstoffe.
Der Clou liegt dabei weniger im einzelnen Endprodukt als im Herstellungsverfahren. Dieses lässt sich auf vorhandenen industriellen Anlagen weiterverarbeiten und soll dadurch den Einstieg für Hersteller erleichtern.
Ein Dauerbrenner bei Gründerwettbewerben
Schon kurz nach der Gründung sammelte Traceless nahezu im Jahrestakt Preise und Auszeichnungen ein. Dazu gehörten unter anderem:
- der Hamburger Gründerpreis,
- der Deutsche Gründerpreis,
- der Deutsche Nachhaltigkeitspreis,
- die Nominierung für den Deutschen Zukunftspreis 2025,
- zahlreiche internationale Nachhaltigkeits- und Innovationswettbewerbe.
Hinzu kamen Programme und Wettbewerbe aus dem GreenTech- und Circular-Economy-Umfeld, durch die das Unternehmen früh Sichtbarkeit bei Investoren und Industriepartnern gewann. Anders als bei vielen Start-ups blieben diese Erfolge jedoch nicht reine Marketinginstrumente, sondern erleichterten den Zugang zu Kapital und industriellen Kooperationen.
Der schwierigste Schritt: vom Prototyp zur Fabrik
Gerade Material-Start-ups scheitern häufig nicht an der Idee, sondern an der Skalierung. Zwischen einem funktionierenden Laborversuch und einer wirtschaftlichen Produktion liegen oft Jahre. Auch Traceless musste diesen Weg gehen.
Nach der Gründung entstand zunächst eine Pilotanlage in Buchholz in der Nordheide. Dort wurde das Herstellungsverfahren unter realen Bedingungen getestet und kontinuierlich weiterentwickelt. Parallel wuchs das Unternehmen von wenigen Mitarbeitenden auf rund 100 Beschäftigte und gewann Partner wie Mondi, OTTO und Biesterfeld für erste Anwendungen.
2026 wurde aus dem Start-up ein Scale-up
Der bislang wichtigste Meilenstein folgte im Mai 2026: In Hamburg-Harburg eröffnete Traceless seine erste industrielle Produktionsanlage. Auf rund 4.000 Quadratmetern befinden sich inzwischen Produktion, Entwicklung, Vertrieb und Verwaltung an einem Standort. Die Anlage ist für eine Jahreskapazität von rund 3.000 Tonnen Material ausgelegt und wurde mit einem Investitionsvolumen von über 20 Millionen Euro aufgebaut. Das Bundesumweltministerium beteiligte sich über das Umweltinnovationsprogramm mit rund fünf Millionen Euro an der Finanzierung.
Damit hat Traceless einen Schritt vollzogen, den nur wenige Deep-Tech-Start-ups erreichen: den Übergang von der Technologieentwicklung in eine industrielle Fertigung.
Ist traceless damit schon erfolgreich? Das hängt davon ab, welchen Maßstab man anlegt.
Aus Sicht der Start-up-Szene gehört traceless inzwischen zu den Erfolgsgeschichten Hamburgs. Das Unternehmen existiert nicht nur noch, sondern beschäftigt über 100 Mitarbeitende, verfügt über eigene Produktionskapazitäten und arbeitet mit namhaften Industriepartnern zusammen.
Der eigentliche Härtetest beginnt allerdings erst jetzt.
Ob sich das Material dauerhaft gegen konventionelle Kunststoffe behaupten kann, entscheidet sich weniger im Labor als am Markt. Produktionskosten, Lieferfähigkeit, regulatorische Anforderungen und die Zahlungsbereitschaft der Kunden werden darüber bestimmen, ob aus dem Scale-up eines Tages ein etablierter Werkstoffhersteller wird.
Die Planungen gehen bereits über die neue Anlage hinaus. Nach erfolgreicher Inbetriebnahme ist laut Unternehmen eine deutlich größere Industrieanlage vorgesehen, um die Produktionskapazitäten weiter auszubauen.
Fazit
Wer sich in den vergangenen Jahren gefragt hat, ob es um Traceless still geworden ist, findet heute eine überraschende Antwort: Das Unternehmen ist keineswegs verschwunden; es war vor allem mit dem Aufbau seiner Produktion beschäftigt.
Während viele Start-ups von Visionen leben, hat Traceless in den vergangenen sechs Jahren einen der schwierigsten Entwicklungsschritte gemeistert: aus einer universitären Idee ein industriell produzierendes Unternehmen zu machen. Ob daraus einmal ein neuer Standard für nachhaltige Materialien entsteht, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Die Voraussetzungen dafür sind heute jedoch deutlich besser als noch zur Gründung im Jahr 2020.




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