Im Gespräch mit Nissi Roloff

Innerhalb kürzester Zeit hat sich „Nissis Kunstkantine“ zu einer sehr angesagten Adresse in der Hamburger HafenCity entwickelt. Man geht gern dorthin und es wird viel darüber gesprochen und geschrieben. Dabei liegt die Eröffnung dieses ungewöhnlichen Gastronomiekonzeptes erst ein gutes halbes Jahr zurück. Im März öffneten sich die schönen Räumlichkeiten am Dalmannkai zum ersten Mal für die Öffentlichkeit. Anlass war die Vernissage für eine Ausstellung mit Werken von Michael Mattern. „Kantine und Vernissage?“, mag sich da mancher fragen. Tatsächlich ist Nissis Kunstkantine ein Konzept, das sich einer klaren Einordnung widersetzt, ein Crossover aus Galerie, Restaurant, Bistro, Café und Veranstaltungsort. Aber genau darin liegt der besondere Reiz und die Einmaligkeit dieses Ansatzes.

Hierher kann man kommen, um eine kleine Auszeit vom hektischen Geschäftsalltag in der HafenCity zu nehmen. Man macht einen kleinen Rundgang und sucht sich dann einen schönen Sitzplatz  für den Genuss eines Stück Kuchens und einer Tasse Kaffee und betrachtet  in Ruhe sein Lieblingskunstwerk. Und wenn die Rechnung gebracht wird, kann man sich ganz nebenbei über Einzelheiten zu dem Kunstwerk  erkundigen.

In der Gestaltung ist Nissis Kunstkantine sehr individuell: Auch hier ein changierender Ansatz, ein ungewöhnlicher Stilmix aus modernem Ambiente, Pop Art bei den Stühlen, Gemütlichkeit beim Sofa, Tradition in moderner Interpretation beim Kristalllüster, Anklänge an Jugendstil bei den Kissenbezügen. Und trotz dieser breit gestreuten Stilelemente vermittelt alles eine Stimmigkeit, die den hellen, hohen Raum in eine elegante Behaglichkeit tauchen.

Geprägt wird diese schöne Mischung aus Kunstgalerie und Restaurant durch die Initiatorin und Inhaberin der Kunstkantine, Nisvican Roloff-Ok, charmant, fröhlich, humorvoll, voller Energie und mit einem sicheren Empfinden für Stil. Grund genug, diese erfolgreiche Unternehmerin zu treffen, um im Gespräch ein wenig über sie und die Entstehungsgeschichte von Nissis Kunstkantine zu erfahren.

Nissis Kunstkantine nahe Sumatrakontor, Hafencity

Für mich ist das spannende an der Gastronomie vor allem der Blick auf die Menschen. Diejenigen, die in der Gastronomie etwas bewegen, haben häufig einen sehr vielfältigen Hintergrund. Natürlich gibt es solche, die gezielt im Fach studiert oder in das Hotelfach eingestiegen sind. Aber es gibt auch viele Quereinsteiger mit einem ganz anderen Hintergrund.
Frau Roloff, wie war das bei Ihnen? Wo sind Sie aufgewachsen, was waren Ihre Interessen, vorher kommt Ihre Ausrichtung auf Gastronomie?

Nissi-im-Gespräch(Nissi lacht) Das führt uns aber jetzt sehr weit weg, wenn ich sage wo und wie ich aufgewachsen bin. Ich habe  ja schon ein paar Lebensjahre hinter mir. Also ich komme eigentlich aus der Türkei, lebe aber schon seit 30 Jahren in Hamburg und bin mit einem Deutschen verheiratet. Obwohl ich auch meine türkische Seite habe, bin ich aber viel in deutschen Kreisen. Mein Freundeskreis ist vorwiegend deutsch. Ich bin verheiratet, habe drei Kinder… was wollen Sie noch wissen? (lacht)

Waren sie vorher berufstätig oder sind sie gleich in die Familie gestartet?

Nein, ich war vorher schon berufstätig. Ich habe lange Zeit vor meiner Ehe und den Kindern in einer Kunstgalerie gearbeitet, hier in Hamburg.

 

…da kommt also der Kunstaspekt her…

Nissis Kunstkantine, AusstellungsraumGenau. Das war die Kunstgalerie in der Goetheallee. Wir haben dort Ausstellungen gemacht, mit moderner Kunst, und dann hatten wir auch Wanderausstellungen in verschiedenen Dresdner-Bank-Filialen. Es gab damals eine Ausstellung mit Siemens-Computerbildern, die waren sehr angesagt. Diese Computergrafiken haben wir an verschiedenen Ausstellungsorten in Hamburg, Berlin, Frankfurt und Düsseldorf jeweils vier Wochen lang gezeigt. Mit einer Vernissage, vielen Gästen, mit Einladung an den Bürgermeister, und diese Events habe ich mitgestaltet. Dadurch ist auch der Kontakt zur großen Dalí-Ausstellung entstanden, die wir zwei Jahre lang sehr erfolgreich in Hamburg, Berlin, Salzburg, Frankfurt und in verschiedenen Orten in Baden-Baden durchgeführt haben. Dadurch ist ein Kontakt nach Paris entstanden, wodurch wir die Ausstellung in Deutschland exklusiv vermarkten konnten. Es gab da riesige Skulpturen, die wir ausgestellt haben, zum Beispiel die fließende Uhr und den Elefanten mit den Spinnenbeinen.

In Berlin haben wir sogar zwei Mal ausgestellt, unter anderem im Palais im Festungsgraben. In Hamburg haben wir im Schloss Ahrensburg ausgestellt, in der Reithalle. So kam ich in die Kunstszene hinein. Ich habe Bilder aufgehängt, Einladungen verschickt, mich um den Bookstore gekümmert und auch verkauft, Künstler betreut und in all diesen Bereichen insgesamt sechs Jahre gearbeitet. Das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Dann hat sich das aber gewandelt. Ich wollte nicht mehr so viel verreisen. Ich wollte bodenständig werden und in Hamburg bleiben. Deswegen habe ich in diesem Bereich nicht mehr weiter gearbeitet. Aber es war eine sehr interessante und eine sehr schöne Zeit, in der ich viel mit Künstlern zusammen gewesen bin. Wir haben auch die erste Udo-Lindenberg-Ausstellung gemacht in Berlin, damals 1996, als er gerade angefangen hatte zu malen. Die erste Ausstellung im Festungsgraben hat er exklusiv mit uns gemacht, die aber leider nicht sehr erfolgreich war. Er war ja damals als Maler noch nicht so bekannt.

Ja, das war damals ganz neu. Aber inzwischen hat sich das doch sehr geändert…

Seine Werke sind natürlich auch Geschmackssache. Mittlerweile ist er anerkannter Künstler, ist sehr exklusiv und sehr gut, aber damals konnten die Leute damit noch nicht viel anfangen. Wir hatten eine sehr große Vernissage veranstaltet, in der Berliner Oper haben wir anschließend die After-Show-Party gefeiert. Auch all das habe ich mit organisiert. Immer unter Künstlern und den Leuten aus dieser Szene. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr, ständig zu verreisen und in Hotels zu leben.

Nissis Kunstkantine, AußensichtNissis Kunstkantine hat ein changierendes Konzept. Es fällt nicht leicht, diesen Ort richtig einzuordnen: Ist es ein Restaurant, ein Café oder ein Bistro? Ist es eine Kunstgalerie, in der man auch etwas essen kann? Oder ist es eine Event-Location? Welche Eigenschaft steht für Sie im Vordergrund, wenn wir mal hauptsächlich aus der wirtschaftlichen Richtung darauf schauen? Was ist in dieser Hinsicht Ihr Hauptanliegen?

Ein Hauptanliegen kann ich so gar nicht festlegen. Ich habe in der Kunstbranche gearbeitet,  koche sehr gerne und gehe auch sehr oft essen. Mein Mann ist ein Gourmet und sehr wählerisch, und was ich koche, kam bei ihm immer sehr gut an. Deswegen habe ich jetzt beides verbunden und es spielt beides auch wirtschaftlich eine wichtige Rolle. Gastronomie allein wäre für mich offen gesagt zu langweilig gewesen. Und nur Galerie ist wirtschaftlich schwer durchzuhalten. Selbst wenn man etwas Bekanntes ausstellt, ist es nicht wie mit Brötchen beim Bäcker: Nicht jeden Tag kommt jemand und kauft ein Bild. Die Kosten einer Galerie müssen abgedeckt sein und man will davon auch leben können, auch neben all den Versicherungen. Das kann man mit einer Galerie zwar schaffen, aber es ist schwer. Da verkauft man vielleicht alle drei Monate ein Bild und dann macht man fifty-fifty mit dem Künstler und das war es dann. Und ich mag auch diese sterile Atmosphäre in klassischen Galerien nicht unbedingt. Es traut sich meist auch niemand von den ganz normalen Leuten, hereinzukommen, wenn dort nur Bilder hängen. Diese Galerie-Atmosphäre ist immer zu kalt für mich, zu kühl.

…aber ich empfinde die Lebendigkeit hier im Gegensatz dazu sehr angenehm…

Genau. Deswegen habe ich beides gemacht und ich denke auch, beides ist wirtschaftlich stark. Wobei die Gastronomie das tägliche Brot ist. Bei der Kunst ist es sehr unterschiedlich. Wir hatten unter dem Titel  „Strandperlen“ Werke von Rüdiger Knott ausgestellt und der Verkauf war im Laufe von drei Monaten sehr erfolgreich, das hat uns sehr überrascht. Diese Einnahmen werden natürlich aufgeteilt. Aber als Galeristin muss ich sagen: Nur von Kunst ist schwer zu leben. Deswegen habe ich beides verbunden. Ich mache beides sehr gern und an beidem hängt mein Herz.

Auch in Gesprächen mit anderen Unternehmern habe ich mitbekommen, dass Projekte in der Hafencity eine relativ lange Vorlaufzeit brauchen, weil hier alles neu ist und man nicht schon in bestehende Schuhe schlüpfen kann. Sie sind ja auch der Erstbezug in diesem Haus. Wie war das bei Ihnen? Wann wussten Sie, dass Sie mit Ihrem Unternehmen in die Hafencity wollen? Und wie lange war etwa der Planungsvorlauf?

Der Planungsvorlauf war eigentlich relativ kurz. Aber der Umbau hat fast anderthalb Jahre gedauert. Wir haben es als Rohbau übernommen, ohne Boden, ohne sanitäre Anlagen, ohne Küche. Es gab nichts, kein Design. Auf die Hafencity bin ich dadurch gekommen, dass ich diese Moderne sehr gern mag, die Architektur, die auch eine Art Neuanfang ist. Und ich habe mich in diese Räumlichkeiten verliebt, mit den hohen Decken und den großen Fenstern. Das ist selten und man bekommt nur selten etwas so Schönes. Es ist nicht zu groß, nicht zu klein, es ist genau richtig. Ich habe es gesehen und gesagt: „Ja, das ist es.“.

Gehört Ihnen das Objekt oder haben Sie es angemietet?

Wir haben es gekauft. Mit dieser Investition ging es auch gleich gut los, muss ich sagen. Weil die Leute eben neugierig sind und es dieses Konzept nur einmal gibt.

Aber ist das nicht auch etwas, was eine Investitionen in der Hafencity ein bisschen risikoreich macht? Man liest ja auch zur Zeit, dass bestimmte Geschäfte schon wieder eingegangen sind. Wenn man der erste ist und die entsprechende Dichte noch nicht da ist, dann weiß man nicht, wie es anläuft. Wie haben sie gleich zu Anfang dafür gesorgt, relativ schnell sichtbar zu sein?

Ach, das ging eigentlich gut. Wir hatten gleich zu Beginn eine große Vernissage mit dem norddeutschen Meister des Neokonstruktivismus, Michael Mattern, und hatten über 300 Gäste. Und das hat sich dann herumgesprochen. Die Leute waren schon sehr lange vorher neugierig darauf, was aus diesem schönen Laden werden würde. Ich hatte teilweise auch schon vor der Eröffnung dekoriert und zum Beispiel zu Weihnachten Kugeln aufgehängt. Die Leute schauten alle herein und fragten sich, wann denn eröffnet wird, wann es losgeht und haben das miteinander diskutiert. Die Neugier hat sich schon bemerkbar gemacht. Und zum großen Opening kamen die Leute dann herein. Aber sie kannten es eben vorher schon. Es passierte die ganze Zeit über immer irgendetwas.

Erwartungen wecken ist immer ein wirkungsvolles Marketing. Wobei ich allerdings bisher dachte, dass Sie nicht direkt an einer Laufstrecke liegen. Sie haben zwar die Marko-Polo-Terrassen direkt um die Ecke, aber es ist ja eher nicht so, dass man als Tourist direkt hier vorbei läuft.

Doch, da täuschen Sie sich. Das denken ganz viele. Aber es ist wirklich nicht so! Wir liegen auf der Verbindung zwischen dem Cruise Center und dem Kaiserkai. Gerade am Wochenende haben wir hier viel Laufkundschaft. Ich bin selbst überrascht davon. Es gibt natürlich Stellen, da wären es viel mehr, aber auch hier sind es viele. Auch die Leute aus den nahe gelegenen Firmen oder diejenigen, die runter ans Wasser gehen, kommen hier vorbei. Und jetzt sitzen die alle wieder in ihren Büros (lacht).

Nun, jetzt um 15.30 Uhr sind wir ja in der typischen „Zimmerstunde“  der Gastronomie, der ruhigen Stunde am Nachmittag.

Nissis Kunstkantine: Obere Ebene mit Teilen der Ausstellung "Strandperlen"

Ein anderes Thema:  Ein erfolgreicher Gastronomie-Betrieb lebt ja von einem Vierklang aus Küche, Service, Marketing und einer guten kaufmännischen Betriebsführung. Wie ist bei ihnen die Aufgabenteilung? Ich nehme ja nicht an, dass Sie alle diese vier Bereiche selbst abdecken.

Ach, eigentlich doch (lacht). Wir setzen ja ganz klassisch auf eine feste Speisekarte. Ich habe da zum Beispiel mit dem Koch über die Karte gesprochen und über die Gerichte, die gut laufen und für die wir nicht allzu viel einkaufen müssen. Manches ist immer vorrätig und frische Zutaten kommen jeweils täglich noch dazu. Ich mache den Einkauf schon selbst und spreche das mit dem Koch ab. Im Service bin ich auch manchmal und mit den Künstlern rede ich auch. Gestern Abend rief das Abendblatt an, da habe ich den Kontakt gemacht und ein Interview gegeben. Eigentlich bin ich hier Mädchen für alles, wobei Martina Jablinski die Gastronomie leitet. Auch im Marketing mache ich sehr viel selber. Ich habe einen guten Grafiker, mit dem ich gut zusammenarbeite. Ich schalte Anzeigen in Zeitschriften, manchmal kommen die Leute auch zu mir, um das hier zu besprechen. Ansonsten ist Facebook für uns ein wichtiges Portal, in dem wir fast täglich unsere Tagesgerichte veröffentlichen oder auf Events hinweisen. Um das Web kümmert sich vorwiegend mein Mann und ich organisiere die regionale Werbung, zum Beispiel in Zeitungen und Zeitschriften.

Ich hatte ganz persönlich den Eindruck, dass Sie als Person im Vordergrund dieses Betriebes stehen, es heißt ja auch „Nissi‘s Kunstkantine“. Sie werben also mit ihrer Persönlichkeit und das funktioniert offenbar auch ganz gut. Und dann haben Sie dazu mit dem Thema „Kunst“ einen gewissen höheren Anspruch, den der Begriff „Kantine“ als Understatement wieder etwas relativiert. Mein Eindruck ist, dass dieses Spannungsfeld im Gesamtkonzept immer wieder auftaucht. Ich habe zum Beispiel auf Facebook einen Beitrag zum Thema „Rote Beete in Nissi’s Kunstkantine“ gelesen, wo auch dieser Spannungsbogen erkennbar war. Da wurden – nicht ganz ernst gemeint – die Roten Beete wissenschaftlich abgehandelt, dann wurde aber auch auf die Alltagsschwierigkeiten beim Essen der „gefährlichen Rübe“ eingegangen. Ist das absichtlich so geschrieben oder sind Sie vielleicht auch von Natur aus ein bisschen provokant? Ich habe den Eindruck, dass sich dieser Stil im Konzept von Nissi’s Kunstkantine wiederholt.

Nisvican Roloff-Ok, Initiatorin von "Nissis Kunstkantine"Also “provokant“ kann man nicht sagen. Es ist nicht provokant, es ist mehr Humor. Ein bisschen Humor muss man im Leben schon haben… Wir sind ja, wie gesagt, auch nicht die „große Küche“. Wir haben einen Superkoch und die Leute kommen immer wieder, zum Beispiel wegen seines „Chili con carne“ oder seiner Pasta. Ich würde mich aber nicht mit Luis C. Jacob vergleichen oder Labskaus in gehobener Weise neu interpretieren. Bei uns gab es heute Lachs-Penne mit Spinat. Das ist lecker und gut, aber es ist nicht die hohe Küche.

Wir machen unsere Sache sehr gut und verwenden frische Zutaten, aber wir nehmen das alles ein bisschen auch mit Humor. Es macht mir auch Spaß, die Leute zu unterhalten. Man darf nicht alles zu ernst nehmen im Leben. Außerdem kann eine Kantine ja auch fein sein. Wir sind nicht die klassische Kantine, eher eine feine Kantine.

…dadurch kommt ja auch etwas Bodenständiges hinzu, wodurch sich die Leute eher trauen, zuzugreifen. Ich habe den Eindruck, das funktioniert und es wirkt dabei sehr authentisch.

Ja, also wir veralbern uns damit nicht selber (lacht), aber die Leute sollen auch keine Ängste haben, in so einen schicken Laden hineinzugehen. In Nissi‘s Kunstkantine trauen sich die Leute wirklich rein. Natürlich gibt es einige, die sagen „das ist uns zu schick, da gehen wir nicht rein“. Aber wir sind ganz normal. Hier gibt es normales Essen, normale Getränke, wir haben ganz normalen Cappuccino hier. Diese Hemmschwelle gibt es aber trotzdem manchmal bei einigen Leuten, die dann lieber zum Bäcker gehen. Die Bäcker-Kultur macht ja leider sowieso ganz viel Gastronomie in Hamburg kaputt. Aber manche Leute gehen eben lieber dorthin, essen in der Ecke ein Brötchen und trinken einen Kaffee für 3,50 €. Bei uns bekommt man für 4,50 € zum Beispiel schon eine leckere, frisch gekochte Suppe. Aber so ist es eben – Deutschland ist auch eine Bäcker-Kultur. Das finde ich ganz schlimm, aber es ist halt so. Das kann man leider nicht mehr ändern. Die Konkurrenz ist dadurch sehr groß, wenn auch für diesen Betrieb  – Gott sei Dank – inzwischen nicht mehr. Aber wir haben das schon gemerkt: Der Schanzenbecker hat aufgemacht und die ersten Tage danach war es bei uns schon ein bisschen ruhig. Aber dann kamen die Leute wieder zurück. Das mag auch an unserer Qualität liegen. Dort gibt es zwar andere Preise, aber dafür ist eben auch nicht frisch gekocht. Es ist einfach ein anderes Konzept beim Bäcker und das ist auch gut. Aber es gehen auch viele Gastronomien kaputt durch diese Bäcker-Kultur.

Nun sind sie ja verheiratet mit Bernd Roloff, einem Anwalt und Hamburger Unternehmer im Bereich Maschinenfertigung. Sie haben drei Kinder. Das heißt, Sie haben neben dem Laden hier natürlich noch ihre familiären Verpflichtungen. Wie sieht denn so ein typischer Tag bei Nissi Roloff aus?

Ein typischer Tag? Oh. Eigentlich geht es wirklich ganz früh los und Gott sei Dank bin ich so ein hippeliger und schneller Typ, der nicht lange ruhig herum sitzen kann. Ich kriege das eigentlich ganz gut hin. Also morgens die Kinder zur Schule bringen, dann gehe ich meistens einkaufen, arbeite ein bisschen an meinen Unterlagen und dem Papierkram, und dann bin ich schon gleich hier im Laden. Ich erledige nebenbei Telefonate, meistens im Auto, also meinem Büro (zwinkert und lacht). Wenn ich dann keine Termine habe, bin ich meistens bis 15:00 Uhr oder 15:30 Uhr hier im Laden. Manchmal versuche ich früher los zu kommen, damit ich meine Kinder von der Schule abholen kann. Manchmal haben sie natürlich auch irgendwelche Schulveranstaltungen, letzten Freitag war zum Beispiel um 14 Uhr Schulfest, dann gehe ich schon halb zwei hier los. Meine Kinder wollen immer abgeholt werden, das ist ja auch selbstverständlich. Und dann ist am Nachmittag Kinderprogramm angesagt, mit allem drum und dran! Gestern waren wir an der Elbe, in Teufelsbrück. Die Kinder haben gebuddelt, wir haben Eis gegessen und uns den Sonnenuntergang angesehen. Ich unternehme viel mit den Kindern und nehme mir für sie auch ganz viel Zeit. Deswegen will ich auch nicht unbedingt morgens und abends aufmachen. Eigentlich reichen mir die jetzigen Öffnungszeiten. Wir haben aktuell bis 16 Uhr geöffnet. Also das Potenzial ist schon da, dass man auch mal abends aufmachen könnte und morgens eventuell. Aber für mich ist das einfach zu viel. Morgen Abend haben wir zum Beispiel ausnahmsweise für ein Event geöffnet. Wir werden uns anschauen, ob das gut läuft, weil die Nachfrage schon sehr groß ist. Vielleicht werden wir in Zukunft etwa einmal im Monat abends öffnen. Manchmal sitzen ja hier nachmittags um vier noch zehn Leute im Lokal und ich muss dann sagen „tut mir leid, ich muss jetzt los“. Das ist natürlich auch schade. Auch Freunde, Bekannte und die Gäste hier aus der Straße fragen ganz oft nach, ob wir auch mal abends öffnen und kündigen schon mal ihren Besuch an. Jetzt haben sie mich wirklich einmal überredet und ich habe gesagt „O.k., einmal im Monat kann man das mal machen“. Es ist eine Ausnahme, aber ich schaue mir das mal an. Wenn es gut läuft, wenn ich dafür auch gutes Personal finde, dann kann ich mir auch vorstellen, zweimal pro Woche abends aufzumachen. In der Gastronomie ist man doch sehr vom Personal abhängig: Wenn es keine zuverlässigen Personen sind, steht man am Ende doch wieder selbst da. Dann ist jemand krank, oder das Kind ist krank, oder sie haben etwas vor oder der Kindergarten ist zu, dann bleiben sie zu Hause und man muss selber ran. Und wenn das Restaurant dann regulär geöffnet hat und ich habe eigentlich etwas mit meinem Mann und den Kindern vor, und ich bekomme den Anruf, dass Personal ausfällt, dann muss ich springen, das ist klar. In diesem kleinen Betrieb hier, der mit drei Personen eigentlich gut läuft, ist es schon schwierig, täglich abends aufzumachen. Dann muss ich mehr Personal beschäftigen, habe mehr Stress und dies und das. Ich weiß nicht, ob ich mir das antun will.

Nissi Roloff in ihrer KunstkantineFoto: Siegfried Jennert

 …dann komme ich jetzt zur Schlussfrage, um Ihre Zeit zu schonen. Wenn Sie auf die Anfangszeit hier im Laden zurückblicken, gab es da ein besonders schlimmes Erlebnis, wo etwas wirklich schief gegangen ist? Oder gab es etwas besonders schönes?

Ja, das kann ich Ihnen sagen. Vor der Eröffnung hatte ich, wie gesagt, alles gut organisiert. Wir standen also vor der großen Vernissage am Abend, und ich hatte eine Servicekraft eingestellt, die   den Laden am Morgen danach öffnen sollte. Damals war noch der Plan, morgens ab 10 Uhr zu öffnen. Und was hat sie gemacht? Sie ist nach der Vernissage nach Hause gegangen, hat mich angerufen und mir gesagt, sie möchte doch nicht hier arbeiten. Und ich hatte bis 4 Uhr morgens im Freundeskreis gefeiert, danach noch aufgeräumt und sauber gemacht und war wohl gegen 5:00 Uhr zu Hause. Und dann war ich um 7 Uhr wieder hier. Und ich hatte kein Personal. Niemanden in der Küche, keinen für dies und keinen für das. Also ich hatte davor zwar schon einmal eine Kaffeemaschine bedient, aber die Mitarbeiterin war eigentlich diejenige, die alles wusste. Sie hatte sich eingearbeitet. Und ich hatte mir gesagt: Okay, ich habe ja jemanden. Da bin ich so richtig in kaltes Wasser gesprungen. Und dann kamen die ersten Gäste und wollten Kaffee und ich dachte mir: Oh, wie machst du jetzt Kaffee? Wie machst du den Schaum? (lacht) Wie machst du dies? Wie machst du das? Und ich dachte mir, das schaffst du nicht. Gott sei Dank hatte ich dann doch jemanden, der mir in der Küche geholfen hat. Aber das Kaffeemachen und die Bedienung, das war echt ein bisschen viel für mich. Aber es musste eben sein. Denn es waren am nächsten Tag auch gleich Frühstücks-Gäste da.

Der Adrenalin-Schub in einer solchen Situation hilft einem oftmals dann trotzdem gut durchzukommen.

Nissi Roloff und Martina JablinskiNissi Roloff mit ihrer Gastronomieleiterin Martina Jablinski (Foto: Siegfried Jennert)

Gab es auch etwas besonders schönes? Etwas, wo sie sagen „da denke ich in zehn Jahren noch dran“?

Da gibt es ganz viele Sachen, nicht nur eine. Unsere Vernissagen sind immer so toll. Das ist jedes Mal etwas ganz Besonderes. Bei der ersten Eröffnung hatte ich hier eine Jazzsängerin mit Gitarrenbegleitung. Das hat hier im Raum gehallt, die Atmosphäre war super und die Leute waren zufrieden. Und eines kann ich noch immer kaum glauben und bin sehr dankbar dafür: Die Leute kommen hier herein und finden den Laden einfach schön. Das hab ich nun schon, ich weiß nicht, mindestens 1000 mal gehört. Und es wird viel fotografiert, das ist hier erlaubt. Es ist einfach ein schönes Ambiente, sagen sie, ein schöner Laden. Und es ist mein Stil, alles hier habe ich ohne Architekten selber eingerichtet und da bin ich auch ein bisschen stolz drauf, das muss ich sagen.

Der Laden hat ja eben auch dieses Spannungsfeld mit Dingen, die sehr schön sind, und solchen, die bodenständig sind. Ich finde diese Mischung persönlich auch sehr ansprechend.

Ja, viele Leute finden das einfach schön. Ich habe dafür ganz viele Komplimente bekommen: „schöner Laden“, „schöne Galerie“, „schöne Atmosphäre“. Da bin ich sehr froh drüber und das vergesse ich nicht mehr. Besonders nachdem ich ganz lange Hausfrau war, ist es für mich etwas sehr Schönes, das zu hören. Also, dass man auch auf einem anderen Gebiet erfolgreich ist und etwas Gutes getan hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Aufgezeichnet von Manfred Troike am 6. September 2013
Redaktionelle Bearbeitung: Erik Eckstein


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