Wir stellen vor: Lennert Wendt

Restaurant/Bar MEHL – Hamburg/Ottensen

Es ist 10 Uhr morgens, ein grauer, regnerischer Dezembertag. Das MEHL hat gerade geöffnet, noch sind keine Gäste da. So früh kommen eigentlich nur die Mitarbeiter von der benachbarten Probenbühne des Thalia-Theaters in der Gaußstraße, die hier ihren ersten Kaffee zu sich nehmen. Das Restaurant wirkt noch etwas verschlafen, nur der Barbereich ist erleuchtet. Aber dennoch liegt über allem eine heimelige Atmosphäre. Man fühlt sich wohl, sobald man eintritt. Lennert Wendt, gerade mal 30 Jahre alt, hat der Werbebranche den Rücken gekehrt und vor drei Monaten sein Traum-Restaurant eröffnet. Ich schaue mich um. Links vom Eingang eine alte Teigmaschine, dann fällt der Blick auf eine große alte Bahnhofsuhr, links davon neben dem Tresenbereich ein Plattenspieler und eine kleine Sammlung alter Vinyl-Langspielplatten, auf einem Bock, wie man ihn aus dem Turnunterricht in der Schule kennt, liegen Zeitschriften, ein Olivenbaum eingepflanzt in einen großen rollbaren Holzcontainer gibt dem Restaurantbereich etwas südliches Flair.

Lennert Wendt, Restaurant DAS MEHL - Hamburg-Ottensen    DasMehl-Uhr_S

Lennert verspätet sich etwas im vorweihnachtlichen Verkehr. Ich bin gespannt auf den Mann, der sich mit diesem Laden seinen Lebenstraum erfüllt hat, nehme die Speisekarte zur Hand und bleibe an einer sehr poetischen Einführung hängen: „Das Mehl ist der Grund für die Dinge, denen wir darauf begegnen. Es ist die Bühne, auf der wir spielen, improvisieren, vergessen. (…) Wir nehmen Platz, öffnen unsere Köpfe und lassen Gedanken gehen durch die Küchen und Märkte dieser Welt. Das bedeutet Freiheit. Im Neuen fühlen wir uns verbunden. Im Neuen begegnen wir uns am gleichen Punkt…“

Lennert betritt den Raum. Die Mitarbeiter werden herzlich begrüßt. Kraftvoll kommt er auf mich zu, sicher im Auftreten, jemand der Zupacken kann, offener Blick, zugewandt und freundschaftlich. Schon bei der Begrüßung fühlt es sich vertraut an, so als würde man ihn schon lange kennen.

Du kommst eigentlich aus der Werbung. Was hat dich dazu bewegt, dich  auf das Wagnis einer Selbständigkeit einzulassen?

Da muss ich etwas weiter ausholen: Also mir liegt das im Blut, eigentlich bin ich Gastronom. Mein Vater ist Gastronom. Der hat 1982 die erste Cocktail-Bar in Hamburg eröffnet. Das war die Bar „Migeel“ in Uhlenhorst und war in den 80ern der Hotspot. So bin ich da hinein geboren worden. Die  Familie in Österreich, mein Vater ist Österreicher, hat ein riesengroßes Gasthaus in Wiens 16. Bezirk und ist von jeher der Gastronomie verpflichtet. Und ich habe das von frühester Kindheit an mit in die Wiege gelegt bekommen und habe von Anfang an eine Riesenleidenschaft dafür gehabt.

Als ich etwa 20 Jahre alt war, hat mein Vater das „Migeel“ schon nicht mehr mit so viel Leidenschaft betrieben wie zu  Anfang, weil irgendwann die ganzen Cocktailbars nur noch so aus dem Boden geschossen sind, so dass eine Cocktailbar irgendwann nichts besonderes mehr war. Für mich war das aber eine Herausforderung, ich habe mir den Laden gegriffen und dem ganzen für zwei bis drei Jahre noch einmal richtig Schwung verliehen. Zugemacht haben wir dann, weil mir klar war, dass ich irgendwann eine richtige Ausbildung machen muss. Schon während der Zeit des „Migeel“ habe ich schon immer die Flyer gestaltet und mit Photoshop an Bildern und Grafik gearbeitet und bin darüber in das Gestalten gekommen.

Einen Sinn für Kreativität habe ich immer schon gehabt und weil mein bester Freund damals ein sehr starkes Interesse an Werbung gehabt hat, haben wir uns an der Miami Ad School in Hamburg beworben. Da wurde ich auch prompt angenommen und habe dann eine Ausbildung als Kommunikationsdesigner gemacht.  Nach dem Diplom bin ich dann für 6 Jahre in der Werbung gelandet. Ich war unglaublich erfolgreich in der Werbung, aber ich habe das nie mit so viel Inbrunst und Leidenschaft betrieben wie das, was ich heute hier im MEHL mache. Das habe ich immer gespürt und habe immer schon gewusst, dass ich irgendwann in die Gastronomie gehen werde.

Deine kreative Fähigkeit merkt man auch, wenn man das Intro zu eurer Speisekarte liest. Das ist unglaublich poetisch und fantasievoll. Ist der Text von dir?

Zum Teil – eine gute Freundin, Kathrin Weßling, die gerade sehr erfolgreich mit einem Buch ist, habe ich darum gebeten, für die Karte etwas zu schreiben. Sie hat den Hauptteil formuliert und ich habe es dann  noch etwas umgeschrieben. So ist dieser Text entstanden. Wir möchten den Leuten, die zu uns kommen, damit sagen, wie wir fühlen. Die meisten spüren das schon beim Hereinkommen und das versuchen wir auch noch über den Text zu vermitteln. Für alle anderen ist es auch schön, auf diese Weise eingestimmt zu werden. Das ist praktisch wie ein Aperitif, den man bekommt. Man liest diesen Text und weiß „aha, alles klar, so ticken die hier“.

Was ist das Besondere an deinem Gastronomie-Konzept? Wodurch hebt sich dieser Restaurant-Betrieb von anderen ab?

Mit geht es um das Ausprobieren von neuen Variationen alltäglicher Zutaten mit nur einer Regel, nämlich sich selbst keine Regel aufzuerlegen, sondern zu probieren ohne Angst zu haben. Wir wollen Überraschung.

Restaurant MEHL-Barbereich

Die besondere Atmosphäre im MEHL spürt man schon beim Betreten.  Trotz der Größe wirkt es heimelig. In dem kleinen separaten Raum hinten gibt es sogar fast so etwas wie Wohnzimmer- oder Jugendzimmer-Atmosphäre, es gibt viele Sammelstücke, die hier eingestreut sind. Zeigst du damit auch einiges von dir selbst?

Ja viele Gegenstände hier gehören zu Dingen, die ich jahrelang in meiner Garage gelagert habe, in der ich zum Schluss gar kein Auto mehr einstellen konnte, was dazu führte, dass sie mir schließlich gekündigt wurde. Die alte Teigmaschine, die links vom Eingang steht, hat einem Bäcker gehört, der sie 40 Jahre in Betrieb gehabt hat. Die habe ich ihm abgekauft. Dann haben wir ein Nudelholz, mit dem wir unseren Teig ausrollen. Das ist der erste Gegenstand, den ich mal aus einer Haushaltsauflösung bekommen habe. Sie gehörte einer alten Frau, die dieses Nudelholz in den 20er Jahren erstanden hat. Es ist auf Kugellagern gelagert und wunderschön, Makassar-Holz, einfach ein toller Gegenstand. Die Schulstühle, die dort herumstehen, habe ich irgendwann einmal gekauft. Es sind noch verschiedene andere Schulelemente hier drin. Das war gar nicht beabsichtigt, sondern hat sich einfach so ergeben. Nichts von dem, was hier ist, kommt einfach so aus dem Laden. Alles hat eine Geschichte und nichts habe ich nur anfertigen lassen, alles ist selber gebaut. Drei Monate lang habe ich mich mit meinem Ladenbauer aus Berlin im Sommer hier eingeschlossen und wir haben nur gewerkelt und gebaut. Das war eine unglaublich intensive Zeit. Und die Energie steckt natürlich in  diesen Gegenständen. Das ist ja Energie, physische Energie, die da hineingesteckt worden ist und das spürt man einfach. Es gibt nichts, das einfach nur hier hineingestellt wurde. In jedes Stück haben wir Liebe gesteckt und über alles haben wir uns Gedanken gemacht. Ich glaube, das spüren auch die Gäste, wenn auch vielleicht  nicht immer bewusst.

Wie erlebt der Gast dieses Restaurant: Mit welchem Gefühl kommen Gäste hierher, mit welchem Gefühl gehen sie?

Unsere Gäste kommen zum Glück nicht mit einer vorgefertigten Erwartungshaltung, obwohl der Laden ein Stück weit „gehyped“ wird. Es wird über uns geredet, weil es ein schöner Laden ist, nicht weil gesagt wird „geh mal ins MEHL, da muss man gewesen sein“. Insofern ist es keine Erwartungshaltung, mit der die Leute kommen, sondern eher eine positive Einstellung mit der sie uns schon begegnen, weil wir so empfohlen worden sind. Das macht es uns leichter. Es ist ja nicht so, dass wir uns verstecken müssten, weil wir befürchten, der Erwartungshaltung nicht gerecht werden zu können. Wenn die Menschen zu uns kämen, weil sie einen Schickeria-Laden oder einen neuen Szene-Laden erwarten, dann kämen sie mit Erwartungen, die wir nicht erfüllen können und auch gar nicht erfüllen wollen. Das ist aber zum Glück nicht der Fall, weil wir einfach nicht so abgehoben sind. Wir bieten enorm kreatives Essen, aber eben bodenständig – das ist Pizza – und die darf auch mit den Händen gegessen werden. Wir haben zwar Besteckkörbe auf den Tischen, aber eben nur, damit man sich Besteck nehmen kann, wenn man das möchte. Die Pizza wird absichtlich nicht mit Messer und Gabel gebracht, denn sie soll am besten mit den Händen gegessen werden. Das ist Teil des Erlebnisses.

Restaurant MEHL, Clubzimmer

Wenn man jetzt noch einmal auf die Gründungsgeschichte des MEHL schaut: Selbstständigkeit ist ja auch immer ein Wagnis. Hast du das auch als ein solches empfunden?

Nein – überhaupt nicht. Ich habe auch keine Angst vor dem Leben. Ich glaube, Selbständigkeit hat viel mit Mut zu tun, mit Wunsch und mit Ehrlichkeit und Treue zu sich selbst. Ich glaube, dass viele Menschen unglaublich unglücklich sind mit dem, was sie machen. Und die Existenzängste, die sie begleiten, haben viel damit zu tun, dass sie sich nicht trauen das zu machen, was sie eigentlich wollen. Wenn sie in der Lage wären, das beiseite zu schieben, würden sie auch Glück empfinden und über dieses Glück auch Erfolg für sich gewinnen. Erfolg hat nichts mit Geld zu tun. Geld ist eher ein Nebeneffekt dessen, was sich einstellt, wenn man etwas macht, was man gerne tut.

Ich würde das hier nie allein mit dem Ziel machen, Geld zu verdienen. Geld kommt von ganz allein oder es kommt eben nicht. Die Hauptsache für mich ist, dass ich das mache, was mich glücklich macht. Und davor habe ich überhaupt keine Angst. Ich bin sicher, wenn ich damit baden gehe, dann wird mich das auch nicht unter die Brücke verfrachten; ich bin überzeugt, es wird immer wieder eine weitere Option geben, es wird immer wieder etwas Neues kommen. Das hat etwas mit Offenheit zu tun. Ich glaube, dass viele diese Offenheit dem Leben gegenüber nicht besitzen, weil sie Angst haben.

Ich habe immer schon das gemacht, was ich wollte. Während meines Studiums in Amsterdam 2006 habe ich Pizzaläden entdeckt, die ganz anders sind, als ich das aus Hamburg gewohnt war. Das hat mich fasziniert und ich habe gedacht: Dann mache ich Pizza! Und der Weg ergab sich, als ich bei Slim Jim’s Pizza im Schanzenviertel hineinspaziert bin und gemerkt habe, die machen das, worauf ich Lust habe. Und dort bekam ich die Chance, das zu lernen. Vorher hätte ich mich das vielleicht auch nicht getraut, weil ich einfach die Fähigkeiten dazu nicht besessen habe.  Aber dort hatte ich wirklich den besten Laden gefunden, um das Pizza-Backen von Grund auf zu erlernen. Der Besitzer dort war durch viele verschiedene Länder gereist und hatte sich überall die Besonderheiten in der Pizza-Zubereitung angeschaut, für sich die Essenz daraus gezogen und sich all das, was für ihn wichtig war gemerkt, um so das kreativste und beste herauszuziehen. Und ich habe dieses gebündelte Wissen so auf einen Schlag beigebracht bekommen. Besser konnte es einfach gar nicht laufen.

Bist du hier im MEHL auch selbst in der Küche?

Ich habe die ersten 6 Wochen hier selbst in der Küche gestanden, ich stehe auch jetzt noch oft in der Küche und backe mit. All meinen Köchen, die hier Pizza zubereiten, denen bringe ich das bei.

Wie viele Mitarbeiter hast du in deinem Betrieb?

In Küche und im Service sind es insgesamt 20 Mitarbeiter, davon 3 Vollzeitkräfte. Es müssen jeden Abend 3 bis 4 in der Küche stehen und 2 bis 3 im Service, das ist schon ein großer Apparat hier.

Wie viele Plätze hat das MEHL?

80 bis 100. Eher 80 im Normalbetrieb.

Mehl-Restaurant

Du hast damit eine Menge Verantwortung bei einem Betrieb dieser Größe. Viele Neugründungen scheitern frühzeitig, weil sie in Liquiditätsprobleme kommen. Die richtige Einschätzung des Geldflusses, das Verhältnis von Einnahmen zu Ausgaben gehört sicher zu den größten Risiken in der Anfangsphase eines jungen Unternehmens. Sind diese Kalkulationen bei dir aufgegangen?

Ich habe da viel Glück gehabt. Es war nie geplant, dass das so schnell funktioniert. Ich glaube jeder Gastronom kann erst nach einem bis eineinhalb Jahren damit beginnen, etwas Geld übrig zu behalten. Ich habe schon nach zwei Monaten erreicht, dass sich der Betrieb quasi selbst trägt. Das ist absolut gigantisch. Ich habe bei weitem nicht das an Geld in die Hand genommen, was ich meinte, in die Hand nehmen zu müssen.

Es ist bekannt, dass Finanzierung über Banken ein besonderes Problem darstellt, wenn es um die Branche „Gastronomie“ geht. Hat die Sicherung der Finanzierung bei dir gut funktioniert?

Nein, überhaupt nicht. Das war ein ganz schwieriger Weg. Zunächst habe ich mir mit der Restaurierung von zwei alten historischen Autos, einem Mustang und einem Cabrio, über den Verkaufsgewinn ein Startkapital erarbeitet. So habe ich ganz gut Geld beiseitelegen können, was ich sonst gar nicht gut kann, weil ich nicht der Typ dafür bin. Aber so hat das Geld ja auch mit mir gelebt und sich dabei trotzdem vermehrt. Mit diesem Grundkapital habe ich eigentlich gedacht, es wäre einfach, weiteres Geld über einen Kredit zu bekommen, weil mein Grundkapital etwa ein Drittel dessen war, was ich insgesamt für mein Vorhaben geplant hatte. Normalerweise geht man ja von 15% bis 20% aus, die vorhanden sein sollten, insofern konnte ich mehr als das vorweisen. Ich habe aber keine Bank gefunden, die mein Projekt unterstützen wollte: Gastronomie, junger Typ, keine Gastronomie-Ausbildung, der Plan sich über eine Pizza-Bude selbständig zu machen, ein Investitionsbedarf, der für eine Bank nun auch nicht so interessant ist, dass sie damit Unmengen an Geld verdient – für eine Bank war das alles nur Risiko – und das habe ich auch zu spüren bekommen.

Zunächst habe ich mir zuerst Objekte gesucht, um dann eine Finanzierungsanfrage dafür zu starten, mit dem Ergebnis, dass die Bearbeitung der Finanzierungsanfrage zu lange gedauert hat oder sogar direkt abgelehnt wurde, so dass es mit den Objekten dann regelmäßig nichts mehr geworden ist. Und da waren zwei, drei echt schöne Sachen dabei. Ich hätte mich gefreut, wenn das geklappt hätte. Im Nachhinein bin ich natürlich glücklich, dass ich jetzt hier gelandet bin und weiß, wofür es gut war. Dann habe ich den anderen Weg eingeschlagen, weil ich mir gesagt habe, es kann doch nicht sein, dass mir die Objekte jedes Mal verloren gehen, weil es mit der Finanzierung zu lange dauert oder nicht klappt. Also kehrte ich das ganze um: Ich suchte zuerst eine Bank, die mir grundsätzlich sagt „Wir machen das, wir stehen dahinter, finde du das richtige Objekt“. Mit diesem Ansatz habe ich dann Banken abgeklappert, sechs insgesamt und erst die sechste hat mir eine Zusage gemacht. Das war die Kreissparkasse Lauenburg. Die Hamburger Sparkasse hat zwar den Förderauftrag, aber dort ist man auf mein Vorhaben nicht näher eingegangen, hat sich mein Konzept nicht einmal richtig angehört. Gastronomie per se ist für Banken eine schwierige Branche.

Nachdem ich dann die Finanzierungszusage hatte, ging es nun wieder darum, das passende Objekt zu finden. Das war dann auch so zäh, dass ich irgendwann fast keinen Nerv mehr hatte und nach zwei Jahren Suche und Quälerei fast aufgegeben hätte. Da kam plötzlich dieses Objekt auf mich zu. Es war, als wäre ein Knoten geplatzt, denn dieses Objekt war wirklich das, was ich gesucht hatte – es war ein reiner Zufall. Im Rückblick muss ich sagen, es gab wirklich viele glückliche Zufälle, die dazu geführt haben, dass ich das hier endlich machen konnte. Solche glücklichen Umstände braucht man bei einer Gründung auch.

Was ist die wichtigste Erfahrung aus der Gründungszeit? Was würdest du jemandem raten, der vor einem ähnlichen Vorhaben steht?

Die ganze Finanzierungsplanung würde ich anders machen: Ich würde viel mehr Geld einplanen, viel, viel mehr Geld. Ich habe Glück, das alles so gut klappt und sich in der Anlaufphase keine Schwierigkeiten ergeben haben. Ich sehe ja, was ich hier für laufende Kosten habe. Da ist vieles dabei, was ich zuvor überhaupt nicht eingeplant oder berechnet habe. Die Menge an Kosten im laufenden Betrieb ist immens. Wenn das Geschäft nicht so gut angelaufen wäre, dann würde ich jetzt schon in Problemen stecken. Ich würde jedem raten, einen viel größeren Spielraum einzuplanen, einen ganz weit bemessenen Spielraum an finanzieller Rücklage.

Weiterhin würde ich jemandem mit auf den Weg geben, dass es wichtig ist, wirklich bereit zu sein für das, was man vorhat. Ich denke, dass es in der Gastronomie auf drei entscheidende Punkte ankommt: Das erste ist der gastronomische Teil, den ich selbst abdecke, weil ich ihn über mein Elternhaus in die Wiege gelegt bekommen habe. Dann ist es der Bereich Marketing, Gestaltung, Werbung, Kommunikation, den ich abdecke, weil ich 6 Jahre in der Werbung gearbeitet habe. Sonst würde der Laden nicht so aussehen wie er jetzt aussieht, es würde das Logo und den Namen nicht geben und die Speisekarten würden nicht so aussehen. Das kann ich alles selber liefern. Wenn ich einen Flyer machen will, dann setzte ich mich an den Computer und entwerfe ihn selbst. Das kann kein Gastronom. Da sieht vieles oft nach nichts aus. Dann muss man irgendwelche Gestaltungsbüros oder Freunde anrufen, die das dann halbherzig machen und oft auch erst spät liefern; so ist man wenig flexibel. Man sollte daher in der Lage sein, ein paar Punkte selber zu liefern. Der dritte wichtige Punkt ist das Kaufmännische. Man sollte als selbständiger Gastronom eine kaufmännische Ausbildung haben, um den Betrieb führen zu können. Ich habe diese Ausbildung nicht und ich merke jetzt, wie schwierig das für mich ist. Ich habe zum Glück einen Vater, der seit 30 Jahren Gastronom ist und das für mich gerade alles in den Händen hält und vor allem die Bücher zusammen hält. Bei mir würden wahrscheinlich die Abrechnungszettel wild durch die Gegend fliegen und die Rechnungen wären in einem großen Karton, der einmal pro Monat zum Buchhalter oder Steuerberater geht. Durch meinen Vater hat das alles eine gute Ordnung, alles ist abgeheftet und es hängen hinter den Rechnungen die Kontoauszüge. Alle Mitarbeiter sind ordnungsgemäß angemeldet und es wird geschaut, dass man die Kosten niedrig hält, weil sonst schnell Geld an irgendeiner Stelle verbrennt und es nicht eben mal schnell wieder verdient werden kann.

Die Gastronomie ist ohnehin ein hartes Brot: Man muss um jeden Euro kämpfen. Und jeden Euro, den man verdient, kann man gleich durch vier oder durch fünf teilen, um auf den Anteil zu kommen der einem übrig bleibt. Da kann man es sich überhaupt nicht leisten, das Geld, das man sich so hart erarbeitet hat, an irgendeiner Stelle durch Unachtsamkeit zum Fenster hinaus zu werfen. Deshalb muss man so viel richtig machen, wie nur irgend möglich. Es reicht nicht, nur ein guter Gastronom sein.

Es gibt viele Jobs, in denen man nur in genau einem Bereich gut sein muss, um erfolgreich zu sein. Als Gastronom musst du in vielen Bereichen gut sein, damit du dein Geld zusammen hältst: Du musst Mitarbeiter führen können, du musst in der Gastronomie zu Hause sein, das Essen und die Getränke müssen gut sein, du musst Buchhalter sein, dich in Kommunikation und Werbung auskennen, ein Gespür für Trends haben – also eigentlich machst du als Gastronom 6 Jobs gleichzeitig.

Das sollten sich diejenigen, die so etwas vorhaben, bewusst machen. Bei vielen steht stattdessen eine sehr schlichte Fantasie im Vordergrund: „Ich stehe am Tresen und unterhalte mich mit meinen Gästen und die Sonne scheint und wir trinken gemeinsam Cappuccino und ich verdiene auch noch Geld dabei…“ – Das ist es eben nicht, da gehört eine Menge mehr dazu.

Ist es dir leicht gefallen, ein eingespieltes Team von Mitarbeitern zu finden, mit dem du starten konntest?

Nur bei zwei Leuten, die ich eingestellt habe, hat es in der Zusammenarbeit nicht so gut geklappt. Sonst sind bisher alle, mit denen wir gestartet sind, dabei geblieben und sie sind glücklich mit mir und ich mit Ihnen. Wir sind alle tatsächlich eher eine Familie als nur Mitarbeiter eines Betriebes. Wir mögen uns alle sehr gerne und jeder kommt unglaublich gern hier zu Arbeit. Es ist eben nicht nur ein Arbeitsplatz, es macht allen Spaß, in der Küche wie im Service. Wirklich, es ist pure Freude für alle und das ist der Grund, warum so selten Leute krank sind, warum es ganz selten vorkommt, das Schichten abgesagt werden. Die Leute kommen gerne hierher, das merkt man ihnen auch an.

Ich bin sehr geradlinig: Es haben sich viele Leute vorgestellt, aber nur wenige habe ich eingestellt. Ich habe ein Bauchgefühl dafür, wer zu mir passt. Ich habe immer sehr darauf geachtet, dass ich Leute einstelle, mit denen ich mich auch verstehe, denn ich verbringe hier sehr viel Lebenszeit. Das hier hat Ähnlichkeit mit einer großen Wohngemeinschaft. Alles in allem habe ich tolle Mitarbeiter und davon lebt auch der ganze Betrieb. Für mich gibt es keine bewusste Trennung zwischen privat und beruflich, für mich ist das Lebenserfüllung hier. Es ist schön, wenn sich das mischt, denn dann ist es eins.

Welche Veränderungen haben sich durch die Geschäftsgründung in deinem Leben ergeben?

Ich schlafe besser –  ich bin glücklich, das erste Mal in meinem Leben. Alles hat sich verändert, alles, komplett. Das gesamte Leben hat sich geändert und ich bin genau da angekommen, wo ich immer sein wollte. Ich habe endlich das gefunden, was ich immer gesucht habe: Zufriedenheit.

Glück ist für mich kein Zustand, sondern eine Emotion; Zufriedenheit dagegen ist ein Zustand und dieser Zustand stellt sich jetzt ein – richtige, innere Zufriedenheit.

Ich habe hier gute Leute, ich habe mir meinen eigenen kleinen Kosmos geschaffen, in dem die Welt so tickt, wie ich es möchte. Ich muss mich mit vielen Dingen da draußen, die mir nicht gefallen, nicht befassen. Ich denke oft, es kann einfach nicht wahr sein, wie Gesellschaft funktioniert, wie die Dinge da draußen funktionieren, wie Menschen manchmal drauf sind. Ich wollte mir eine kleine Welt schaffen, in der alles ein bisschen normaler funktioniert, wo Menschen mit mehr Offenheit und Blick für das Wesentliche gut miteinander umgehen. Das ist total idealistisch, aber so ist das einfach für mich. Ich möchte, dass alles selbstverständlich ist. Ich möchte nicht betonen müssen, dass unser Essen ohne Zusatzstoffe zubereitet wird, dass wir Bio-Milch aus regionalem Anbau verwenden. Es sollte selbstverständlich sein, dass man gut mit sich und anderen umgeht und alles mit Achtsamkeit tut.

Gerade das macht aber wohl auch das besondere und schöne Gefühl an diesem Ort aus. Und man spürt es an der Qualität dessen, was man hier bei dir zu Essen und zu trinken bekommt. Das schwingt mit, wenn man als Gast zu dir kommt. – Lennert, danke für dieses offene Gespräch.

Aufgezeichnet von Manfred Troike am 19.12.2012

 

 

Update vom 10. Januar 2017:

Lennert Wendt musste seinen Betrieb zu Beginn des Jahres 2017 überraschend schließen. Auf der Homepage des MEHL sowie auf der Facebook-Seite des Betriebes sucht Lennert nach einer neuen Immobilie. Zu den Gründen des anstehenden Umzugs wollte er sich gegenüber dem Hamburger Abendblatt nicht äußern.


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