Service untergegangen: Seekiste Sylt

Ende der 80er Jahre besuchte ich das Sylter Restaurant Seekiste, das damals noch von den Gründern Margret und Jörg Strempel geführt wurde. Die herzliche Gastfreundschaft und das wunderbare Flair des Lokals machten es damals zu meinem Stammlokal während eines 14-tägigen Aufenthaltes in Westerland. Als ich jetzt nach so vielen Jahren wieder einmal einen Besuch auf der Insel plante, war ich erfreut, dass es die Seekiste noch gab. Ich wollte auf jeden Fall schauen, was aus diesem heimeligen Ort geworden war und reservierte zwei Tage im voraus für ein Abendessen. Um das Fazit vorweg zu nehmen: Ich hätte es bei der Erinnerung an die Seekiste der 80er Jahre belassen sollen.

Restaurant Seekiste, Westerland/Sylt

Seit 1990 hatten verschiedene Betreiberwechsel stattgefunden und ich war gespannt, wie sich dieser nostalgische Ort mir nun zeigen würde.

Das Gasterlebnis

Bei Ankunft landete ich mit meinem Begleiter in einer kleinen Schlange wartender Gäste vor der engen Zugangstür. Feriensaison in allen Bundesländern – Sylt war voll, das Servicepersonal in der Seekiste hoch beschäftigt. Es bedurfte einiger Anstrengung, uns bemerkbar zu machen. Immerhin, ein Tisch war für uns reserviert, die erste Hürde geschafft.

Es sollte aber weiterhin schwierig bleiben: Die Bedienung nahm uns nicht wahr, trug mehrmals einen Satz Speisekarten an uns vorbei an andere Tische. Wir halfen uns schließlich selbst. Immerhin kam dann auch irgendwann jemand, um die Bestellung entgegen zu nehmen. Im Anschluss daran gab es auch etwas Brot und Aufstrich. Die Bitte um Brotteller wurde kurz kommentiert: „Das nimmt man bei uns eigentlich einfach auf die Hand“. – Aha.

Der Aperetif für meinen Begleiter kam dann auch, meiner war „wohl untergegangen“ und musste nachgeordert werden. Die Sylter Krabbensuppe für meine Begleitung fand dann auch noch den Weg an unseren Tisch. Für die Bestellung der Weine mussten wir erneut um die Aufmerksamkeit des Service kämpfen. – Und nach dem Wein kam dann erst einmal eine lange, lange Zeit gar nichts. Dabei sollte es für uns eigentlich nur jeweils ein klassisches Wiener Schnitzel geben. Unsere Reservierung hatten wir für 20.15 Uhr vorgenommen und wir hatten das Lokal auch pünktlich betreten. Um 21.45 Uhr saß ich immer noch vor meinem Glas Wein und hatte bisher nichts bekommen, außer dem Weißbrot zum Aperetif.

Konzept und Betreiber

Seit 2014 steht Stefan Pflug am Ruder der Seekiste. Noch immer wurde am bisherigen, erfolgreichen Konzept nichts geändert. Auch das äußere Erscheinungsbild und die Ausstattung des Gastraumes wirkten auf mich, als wäre die Zeit stehen geblieben. Das Gasterlebnis hatte sich aber leider sehr geändert. Vielleicht war ja aber nur an diesem Tag der Wurm drin.

Als die Uhrzeiger sich 22 Uhr näherten, winkte ich den Betreiber zu mir, erzählte kurz von meinen Erinnerungen an das  Haus in den 80zigern und fragte, ob denn unsere Bestellung in der Küche vielleicht vergessen worden sei. „Keinesfalls“, war die Antwort. „Sie sehen doch, was hier los ist. Mit Brot und Vorspeise liegen Sie ganz im normalen Rahmen“. – Aha.

Vorspeise hatte ich ja keine gewählt, vielleicht hätte man mir raten sollen, auf Grund der üblichen Wartezeiten keinesfalls darauf zu verzichten. Ich gab mich als Gastronomie-Berater zu erkennen, nur um deutlich zu machen, dass es sich hier nicht um einen nörgelnden Gast handelt, der kein Verständnis für die Abläufe in einem Restaurant mitbringt. „Das brauchen wir hier nicht!“ war die überraschende Antwort (gemeint war wohl Beratungsleistung). „Wir sind hier sehr gut aufgestellt. Und außerdem …“ – gespannt wartete ich auf die Fortführung des Satzes und glaubte dann meinen Ohren nicht trauen zu können – „… Sie haben sich ja schon am Anfang Ihre Karten genommen und damit dem Service gar nicht die Möglichkeit für den richtigen Angang gegeben“. – Aha.

Die Bedeutung des Service

1 1/2 Stunden Wartezeit auf das Essen waren dem Service keine Entschuldigung wert. Eigentlich hatten wir beide zu diesem Zeitpunkt keine Lust mehr, an diesem ungastlichen Ort zu bleiben und dachten kurz daran, einfach unsere Getränkerechnung zu bezahlen und zu gehen. Aber ich war dann doch noch neugierig auf den weiteren Verlauf – die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Das Schnitzel kam nun relativ schnell. Die Qualität ließ zu wünschen übrig. War schon die Sylter Krabbensuppe fade und etwas plörrig gewesen, so präsentierte sich das Schnitzel sehnig in fettiger Panadehülle. Die Preiselbeeren, die neben dem Kartoffelgurkensalat auf der Karte vermerkt waren, hatte man wohl in  der Eile vergessen.

Die Rechnung für das verunglückte Abendessen betrug dann 93 €uro. Auch bei der Rechnungsübergabe, an diesem letzten Punkt des Kontaktes mit dem Gast, gab es kein Wort der Entschuldigung, keine noch so kleine Geste, aus der erkennbar geworden wäre, dass hier heute nicht alles gut gelaufen war.

Für mich endgültig Grund genug, dieses Restaurant nie wieder aufzusuchen, solange es nicht erneut den Betreiber wechselt. Dieses negative Gasterlebnis zeigt deutlich, wie wichtig ein aufmerksamer und wertschätzender Service für einen Gastronomie-Betrieb ist. Es kann immer mal etwas nicht so gut gelingen oder schief gehen, ein guter Service kann das jederzeit ausgleichen. Umgekehrt hilft das beste Gastronomie-Konzept nichts, wenn der Service schlecht ist.

Meine Erinnerungen an die Seekiste aus den 80ziger Jahren lege ich in das Schatzkästlein meiner wunderbaren Sylterlebnisse.

Die Seekiste von heute ist leider gerade, von ihrem Betreiber unbemerkt, über Bord gegangen und befindet sich auf dem Weg zum Meeresgrund.

Manfred Troike, 15. August 2017

 

 

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