Restaurant Oberon – Aufstieg und Fall eines Sterns

Der erste Mai steht bevor, aber die Homepage des Restaurant Oberon in Hamburg-Uhlenhorst zeigt noch das Gourmet-Menü mit Verlängerungsdatum zum längst vergangenen 16. März, die Ostermenüs im Rahmen von „Hamburg kulinarisch“ gültig bis 30. März füllen das nächste Feld, die Mittagskarte ist noch dieselbe wie bei meinem letzten, einige Wochen zurückliegenden Mittagsbesuch im Oberon am 15. März. Das Online-Reservierungssystem signalisiert: „Momentan offline – Bitte versuchen Sie es später erneut.“

Oberon-Terrasse in der Aprilsonne 2013

Vor Ort wirkt alles noch wie immer: Die Terrasse des Oberon liegt im Sonnenlicht, Stühle und Tische scheinen auf Gäste zu warten, der Blick durchs Fenster zeigt eingedeckte Tische mit den schönen Oberon-Weingläsern. An der Tür jedoch ein handgeschriebenes Schild: „Liebe Gäste, wir befinden uns in den Betriebsferien – Ihr Oberon-Team“. Kein Hinweis darauf, wann man wieder öffnen wird. Oberon-Abschiedsgruss

Was ist geschehen? Am Samstag vor Ostern hat das Oberon seine Türen für immer geschlossen: Am 9. April wurde das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Oberon UG beim Amtsgericht Hamburg eröffnet.

Für die Freunde des Oberon kommt das Ende überraschend, für die Mitarbeiter ist die Insolvenz ein herber Schicksalsschlag.

Oberon Restaurant, schlafend in der  Aprilsonne 2013Dabei begann die Geschichte des neuen, schicken Restaurants auf der Uhlenhorst am Hofweg/Ecke Kanalstraße so vielversprechend.  Musa Erhan Turhan hatte das stillgelegte Restaurant im Sommer 2011 entdeckt. Er hatte Pläne, ein eigenes Restaurant zu eröffnen, und war fasziniert von dem Objekt. Er ging, wie er später sagte, das größte Risiko seines Lebens ein und ließ das zweistöckige Gasthaus komplett sanieren. Neue Küchentechnik, neue Lüftungsanlage, edles Ambiente im Gastraum. „Viele staunen, dass ich diesen Schritt gewagt habe“, sagte der frischgebackene Gastronom damals im Interview mit dem Hamburger Abendblatt, „aber wer kein Risiko eingeht, der bewegt auch nichts.“ Das Oberon feierte am 10. November 2011 eine wunderbare Eröffnung.

Der Erfolg schien  Erhan Turhan zunächst Recht zu geben. Sein großes Engagement wurde wahrgenommen, er wurde von den Medien entdeckt: Im Februar 2012 war er Gast bei Prof. Heinz Lohmann im Hamburg1-TV-Talk „MENSCH WIRTSCHAFT!“ und berichtete dort über seinen Weg von der Servicekraft zum Restaurantchef. Das Hamburger Abendblatt wurde auf ihn und sein Konzept aufmerksam und nahm das Oberon als Newcomer zusammen mit den Top-Restaurants „Landhaus Scherrer“ und „Restaurant Hotel Atlantic“ in die Aktion „Das Lieblingsmenü“ auf. Die Berichterstattung füllte das Oberon bereits im Vorfeld der Aktion. Der Chefkoch des Oberon, Nicolas Trautz mit seiner kleinen aber ambitionierten Mannschaft, war plötzlich unter Hamburger Gourmets bekannt.

Restaurant Oberon - GalerieNachhaltig in Erinnerung geblieben ist mir das Oberon-Wein-Menü im Mai 2012 mit Kultwinzer Erwin Poller, der zwischen den einzelnen Gängen die menü-begleitenden Weine vom Pollerhof unterhaltsam und spannend vorstellte. Es folgte ein guter Sommer für das Oberon mit vielen Gästen. Erhan Turhans Restaurant hatte sich im Verlauf des letzten Jahres als kleine, angesagte Ausgeh-Adresse etabliert. Allerfeinste Produkte, vorwiegend von Biobauern der Umgebung, standen im Mittelpunkt der kreativen Speisefolgen.

Aber dann wurde es zum Jahresende stiller.  In den gastronomisch ohnehin eher schwierigen Wintermonaten Januar und Februar reduzierte man das Personal und verkürzte die Öffnungszeiten. Die laufenden hohen Betriebs- und Personalkosten führen in der Gastronomie sehr schnell zu hohen Verlusten, wenn die Gäste ausbleiben. Nach nur eineinhalb Jahren musste das Oberon schließen, weil die Verluste zu groß geworden waren.

Über die Gründe des Scheiterns kann man nur spekulieren:

Die Gastronomie ist eine der wettbewerbsintensivsten Branchen in der heutigen Wirtschaft. 10% der Existenzgründungen scheitern. Der Inhaber-Wechsel in der Gastronomie ist sehr hoch.

Nicht selten rutschen Existenzgründer schon nach kurzer Zeit in die Insolvenz. Die Gründe für das frühe Scheitern sind oft zu geringes Eigenkapital, zu geringe Kenntnisse in der Betriebswirtschaft und unzureichendes Controlling.

Ein paar Zahlen sollte jeder Gastronom deshalb regelmäßig, am besten wöchentlich, überprüfen. Das sind die Personalkosten, die Kosten des Wareneinsatzes, die Tagesumsätze sowie Energie- und Nebenkosten. Personalkosten und Wareneinsatzkosten sind die größten Kostenblöcke.

Beim Oberon kommen ein paar weitere mögliche Gründe hinzu:

  • Die Lage in Hamburg-Uhlenhorst ist sicher zunächst einmal ausgezeichnet. Die sogenannte „kleine Lage“ an jener Stelle am Hofweg/Ecke Kanalstraße ist dagegen eher problematisch. Hier gibt es wenig Büros und Geschäfte für das Mittagsgeschäft und es ist aufgrund geringer Einkaufsmöglichkeiten auch kein Bereich für Laufkundschaft. Man muss schon durch Werbung auf sich aufmerksam machen, damit die Gäste in ausreichender Zahl dorthin finden. Parkmöglichkeiten in der Nähe sind in viel zu geringem Maße vorhanden. Zudem ist die Außenfläche  für die gastronomische Nutzung, insbesondere für ein Restaurant mit gehobener Küche, wenig attraktiv.
  • Das Konzept einer gehobenen Küche in legerer Präsentation und die oft recht artifizielle Darbietung der Oberon-Gerichte kontrastierte stark zu dem mit gesunder Ernährung assoziierten Ansatz von hochwertigen Zutaten aus regionalem und biologischem Anbau, mit dem das Oberon überzeugen wollte. Dennoch zeigte man keine Flexibilität in der Anpassung des Konzeptes, als ein nachhaltiger Erfolg ausblieb.
  • Um seiner Idealvorstellung von einem Restaurant mit absolut perfektem Service  möglichst nahe zu kommen, erzog Erhan Turhan seine  Mitarbeiter zu kühler Perfektion und Distanz im Service.  Das ließ aber eine gewisse Zuwendung und Herzlichkeit dem Gast gegenüber vermissen. So entwickelte sich das Oberon zu einem kühl glitzernden Juwel ohne echte Wärme, einem Ort, von dem im ersten Augenblick zwar eine faszinierende Anziehungskraft ausgeht, der aber nicht zum Wiederkommen einlädt.

Zur Zeit wird ein neuer Betreiber oder Pächter gesucht. Sollte sich kurzfristig kein geeigneter Spitzen-Gastronom finden, ist der Hofweg um eine gute gastronomische Adresse ärmer geworden.

Manfred Troike, 24. April 2013

 

Quellen-Nachtrag vom 09. Mai 2013

Elemente der Gründungsgeschichte des Oberon, die in dem Blog-Beitrag aufgegriffen werden, entstammen zwei Artikeln des Hamburger Abendblattes, die auf der noch erreichbaren Internet-Seite des Oberon unter der Rubrik „Presse“ veröffentlicht sind: „Hamburger Abendblatt – Ein Frühlingstagstraum“ und „Ein Küchenpirat auf Abenteuerfahrt“.

Die Suche nach einem geeigneten Pächter kann man zwei Anzeigen in der Rubrik „Gewerbeimmobilien“ von Immonet.de entnehmen, deren inhaltliche Details einen Rückschluss auf das  „Oberon“ zulassen:

Immonet.de „Top-Gastronomen gesucht“
Immonet.de „Volleingerichtetes bekanntes Restaurant in Uhlenhorst“

 

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