„Komm du“ – Kulturcafé in Hamburg-Harburg

Harburg, auf der anderen Elbseite gelegen, hat bei den Hamburgern immer noch ein eher schlechtes Image. Dabei hat sich in diesem an der Süderelbe gelegenen Hamburger Stadtteil inzwischen eine gewaltige Veränderung vollzogen: Der Harburger Binnenhafen hat in den vergangenen Jahren einen unglaublich positiven Wandel erfahren, der mit dem Neubauprojekt auf der Harburger Schlossinsel fortgesetzt wurde.

Mit dem Kulturcafé “Komm du“ stellen wir deshalb ein ungewöhnliches Projekt aus Hamburgs südlicher Elbregion vor. Die jungen Betreiber sehen ihr Café als Fortsetzung oder auch Wiederbelebung alter Kaffeehaustradition: Angehörige verschiedener gesellschaftlicher Gruppen sitzen zusammen, diskutieren, spielen, schreiben, lesen – und genießen. Dazu Live-Musik, Lieder & Lyrik, Lesungen, Kleinkunst- und Tanzperformances. Das „Komm du“ will den Künstlern aus der Region eine Plattform bieten und ein Treffpunkt sein für Anwohner, Studenten und Mitarbeiter umliegender Firmen sowie Juristen und Angestellte aus dem benachbarten Harburger Amtsgericht.

Komm-du_Eingang

Gründer in der Gastronomie haben vielfältige berufliche Wurzeln. Nicht immer ist eine Ausbildung im Gastgewerbe Ausgangspunkt für eine Existenzgründung mit einem eigenen Café oder Restaurant. Und ebenso verschieden wie die berufliche Grundlage ist auch die Motivation, die Existenzgründer in der Gastronomie bei ihrem Vorhaben leitet.

So haben die beiden jungen Betreiber des „Komm Du“ einen beruflichen Hintergrund, der Nähe zur Gastronomie zunächst einmal nicht vermuten lässt:  Britta Barthel ist ausgebildete Tanzlehrerin und ihr Freund Mansen Chu gelernter Tischler.

Im Gespräch mit LEINENLOS erzählen die beiden Gründer von ihrem Schritt in die Selbständigkeit. Geboren wurde die Idee in London, wo die beiden gelebt, studiert und gearbeitet haben. Erfahrung und Rüstzeug aus der internationalen Gastronomie bringen sie mit und haben sich einiges an Kaffeekultur in der britischen Metropole abgeschaut.

Jeder von euch bringt seinen Anteil in das Konzept dieses Cafés ein, also einerseits den gastronomischen und andererseits den kulturellen Anteil. Hätte es trotzdem noch andere Möglichkeiten gegeben, oder stand dieser Ansatz von Anfang an fest, als ihr auf die Suche nach dem Objekt gegangen seid?

Britta: Absolut.

Mansen: In meinen Augen gab es keine echten weiteren Möglichkeiten. Also man könnte zum Beispiel einen Ort für reine Kultur Events erschaffen, aber dadurch dass ich die Leute gerne bewirten möchte, waren Essen und Trinken für mich eben auch wichtig. Das andere, was ich aber im Moment nicht schaffe, ist: Ich bin gelernter Tischler und deshalb wollte ich natürlich auch einige eigene Elemente hier hinein bringen, also auch Möbel selbst gestalten. Wir haben Glück, dass die Regale von einem Bekannten von Britta gemacht worden sind. Die sind gestalterisch schon sehr, sehr schön. Wären die nicht da gewesen, hätte ich irgendwann meine eigenen Regale eingebaut. Vielleicht nicht ganz so verschnörkelt, aber trotzdem mit einem eigenen Flair, einem eigenen Design.

Mansen_Britta

Nochmal zu deiner Ausbildung: Du bist aber auch Gastronom, oder?

Mansen: Nein. Aber mit der Gastronomie bin ich aufgewachsen, weil meine Eltern ein chinesisches Restaurant hatten. Ich kenne Gastronomie im Grunde genommen seit ich sechs Jahre alt bin. Schon mit zehn Jahren habe ich angefangen, in der Gastronomie meiner Eltern mitzuarbeiten. Hinter der Bar arbeiten, vor der Bar arbeiten, teilweise in der Küche aushelfen, teilweise sogar auch richtig kochen. Zwar nur einfache Gerichte, aber wenn Not am Mann war dann bin ich mit eingesprungen. Und wenn mein Vater irgendwelche Vorbereitungen gemacht hat oder wenn er irgendetwas gekocht hat, dann hat er mich sehr oft zu sich gerufen und hat gesagt „Du, schau mir mal über die Schulter, schau Dir das mal an“. Und so habe ich mit der Zeit einfache Rezepte auswendig gelernt.

Deine gastronomische Erfahrung hast du aber nicht nur aus Deutschland, oder? Du bist ja international beeinflusst.

Mansen: Mehr oder weniger ist meine Erfahrung auch international, ja, logisch. Ich habe natürlich erst einmal hier bei meinen Eltern in Deutschland vieles gelernt. Zunächst nur reine chinesische Küche. Später bin ich dann nach Berlin umgezogen und habe dort die italienische Küche kennen gelernt, habe dort eine Zeit lang mitgearbeitet, auch in der gehobenen Gastronomie. Dann in England machte ich mich mit der englischen Küche vertraut und habe dort sowohl in Fünf-Sterne-Restaurants mitgearbeitet als auch in den einfachsten Diners. Deswegen ist mein Wissen über Gastronomie sehr groß. Aus all meinen gesammelten Erfahrungen habe ich im Laufe der Jahre meine eigene Küche zusammengestellt, die natürlich ständig erweitert wird. Manches Grundrezept gefällt mir, aber ich verändere beispielsweise die Gewürze. Das wird gemocht.

Komm-du_Regal

Ich habe bei eurer Gründungsidee herausgehört, dass das Thema Kultur sogar das gewichtigere war. Es ging nicht darum, nur eine Gastronomie zu eröffnen, sondern es ging darum, es mit Kultur zu verbinden.

Britta: Wir sind ja aus verschiedenen Richtungen zusammengekommen. Von meiner Perspektive her ist Kultur und Kunst das Elementare, und weil ich halt im Kunstbetrieb gearbeitet habe und mich kreativ versucht habe, habe ich erfahren, wie schwierig es ist, für künstlerische Vorhaben Fördergelder zu bekommen oder  Auftritts-Räume, Plätze – in diesem Bereich ist alles überfüllt. Es ist unglaublich kompliziert und es ist ein ganz kleiner Prozentsatz, der dabei eine Chance bekommt. Ich habe das durch Freunde in einem breiten Rahmen mitgekriegt. Ich konnte mich entscheiden, es auf diesem schwierigen Weg zu versuchen, mich darin zu etablieren und meinen Platz zu finden. Ich hätte auch meine Möglichkeiten gehabt, hatte auch meinen Platz schon gefunden. Dann habe ich mir aber gesagt, ich möchte eigentlich einen eigenen Ort  für Künstler schaffen, an dem ich in gewisser Weise unabhängig bin, damit mehr Raum für Kunst entsteht.

Was genau ist deine Ausbildung?

Britta: Zunächst habe ich Tanzpädagogin gelernt und habe dann Choreografie studiert und den Master gemacht. Zusätzlich habe ich auch sehr, sehr viel mit Schreiben zu tun und habe mich schriftstellerisch betätigt. Mein Vater hat einen Verlag und betreibt eine Online-Zeitung. Da bin ich ohne Ausbildung einfach hinein gewachsen.

Das passt aber ganz gut zu den Fähigkeiten, die man haben muss, wenn man einen Gastronomie-Betrieb führt. Die Hauptaufgaben in einem Gastronomie-Betrieb zerfallen ja immer in die beiden Teile Küche und Service. Aber dann kommt immer noch die klassische Betriebsführung dazu und letztendlich auch noch der Marketingbereich. Es sei denn man hat einen Betrieb in einer Laufzone, so dass man für Kundenwerbung nicht viel tun muss oder man hat schon einen Bekanntheitsgrad. Wie deckt ihr den betriebstechnischen Aspekt ab und wie deckt ihr das Marketing ab?

Britta: Also in beiden Fällen haben wir ganz viel Hilfe von meiner Familie bekommen, die – auch schon „seit Jahrhunderten“ hätte ich fast gesagt – selbstständig sind. Als Selbstständige kennen sie sich mit Buchführung aus. Und was sie nicht wissen, kann man finden. Und was das Marketing betrifft haben wir auch durch meine Familie Hilfe.

Mansen: Das stimmt auf jeden Fall. Also wir überlegen uns, wen müssen wir ansprechen, wen muss man kontaktieren. Wir sprechen auch die Leute an und sagen wie schaut’s aus können wir bei euch ein Plakat aufstellen oder Flyer auslegen.

Komm-du_Begegnung

Woher kommen die Kontakte, die ihr für euer Veranstaltungsangebot benötigt?

Britta: Mein Vater führt ein Onlinemagazin . Die machen Interviews mit Schriftstellern über Bücher, die machen Rezensionen. Darüber kann man dann Kontakte knüpfen, zum Beispiel für Lesungen. Das ist eine gute Möglichkeit, Künstler zu finden. Und ich habe hier Kontakte in der Tanz-Szene und auch in der Kunstszene.

Finanzierung ist ja immer ein ganz spannendes Thema. Es gibt eine Reihe von Programmen, die man als Existenzgründer zur Unterstützung nutzen kann. Bekommt ihr irgendwelche Fördergelder, die entweder aus dem Gründercoaching stammen oder aber Gründungsunterstützung für Gründer, die aus der Arbeitslosigkeit kommen? Die Förderbedingungen sind inzwischen leider schlechter geworden. Seit Beginn diesen Jahres hängt die Förderentscheidung sehr davon ab, wie der Sachbearbeiter das Vorhaben einstuft.

Britta: Wir haben uns informiert. Wir waren zum Beispiel bei der Handelskammer zu einem Beratungsgespräch.

Mansen: Dort hat man uns auch darauf hingewiesen, was man machen könnte, um vielleicht Förderung zu bekommen oder welche Förderungen man nutzen kann.  Es stellte sich allerdings heraus, dass man für eine Förderung ein konkretes Mietobjekt benötigte, für das man einen genauen, umfangreichen Businessplan erstellen musste. Da jedes Objekt, das wir ins Auge gefasst hatten, sehr unterschiedliche Voraussetzungen für die Umsetzung der eigenen Pläne hatte, konnte man so einen Plan natürlich nicht in wenigen Stunden neu erstellen. Hat man diesen dann fertig, reicht man ihn bei der IHK ein, er wird korrigiert und kommt zurück  – ein langes Hin und Her – und am Ende erhält  man dann den ‚guten‘ Rat, diese Idee doch einmal mit der eigenen Hausbank zu besprechen. Mit Pech war dann das begehrte Objekt ohnehin schon von finanzstarken Leuten weggeschnappt. Wir haben bei der IHK Leute getroffen, die dieses ‚Spiel‘ schon seit 5  Jahren ’spielten’…

Britta: : Seit wir uns kennen, haben wir relativ viel Geld gespart. Damit hatten wir eine Basis, einen Grundstock für unser Vorhaben. Wir konnten uns glücklicher Weise dafür entscheiden, es aus eigener Kraft und mit zusätzlicher privater Hilfe zu machen.

Mansen: Man muss auch sagen, unser Kapitalbedarf war relativ gering. Also wenn wir überhaupt eine Förderung hätten haben wollten, wäre sie relativ klein gewesen.

Komm-du_Sofa

Jetzt seid ihr ein halbes Jahr dabei. Was war in dieser Zeit euer schönstes Erlebnis? Gibt es irgendwas, das bei euer Gründungsgeschichte in Erinnerung geblieben ist, wo ihr gesagt habt „Hey, das war etwas ganz Besonderes“?

Britta: So ganz spontan fällt mir etwas ein, das gerade eine Woche zurück liegt und das mich persönlich sehr begeistert hat: Unsere Veranstaltung am letzten Wochenende. Das war der Auftritt einer Band  mit dem Namen  „Anstandsherren“. Das sind vier Hamburger Jungs, zwischen 20 und 25 glaube ich. Die haben schon einen gewissen Bekanntheitsgrad. Die waren hier und haben für Hutgeld gespielt. Zunächst hatten wir Sorge, dass niemand kommt.  Draußen hat es gegossen in Strömen und zuerst war niemand da. Aber so zwischen sieben und halb acht kamen dann die ersten Leute rein und es war wirklich so eine Mischung zwischen älteren Gästen und Studenten.  Der Raum war zwar nicht brechend voll, aber es waren ungefähr 40 Leute da. Und  es war von der Stimmung her das, was ich immer gewollt habe.

Mansen: Und ich fand gut,  dass  selbst  die Leute, die nicht im Saal sondern hier im Gastraum saßen, sich für das Konzert interessiert haben. Man merkte, dass jeder der irgendwie die Möglichkeit hatte, einen Blick darauf erhaschen wollte auf das, was da vorne abging.

Ist das bei euch Prinzip: Ihr nehmt keinen Eintritt, sondern gespielt wird, wie du gerade gesagt hast, für Hutgeld?

Britta: Im Moment ist es so. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass wir mal etwas für Eintritt machen. Ich lass das alles relativ offen. Gerade, wenn es um Kultur geht, möchte ich möglichst wenig Einschränkungen machen.

Und diejenigen, die hier auftreten, zahlen auch nichts an euch, sondern für euch ist es das Geschäft „drumherum“, mit dem ihr euren Umsatz macht und ihr bietet die Räumlichkeiten praktisch als Podium an?

Britta und Mansen: ja.

Foto: Online-Zeitung Schattenblick

Die umgekehrte Frage stelle ich auch immer: Gibt es irgendetwas, das ganz schief gegangen ist in dieser Anfangszeit? Irgendetwas, wo ihr denkt, das war ganz schlimm, da hat etwas gar nicht funktioniert …?

Britta: Da fällt mir spontan auch etwas ein. Das war, als Mansen ins Krankenhaus gekommen ist, weil er ein Problem mit dem Herzen hatte. Und wir mussten deshalb zwei Wochen lang zu machen. Im Februar ist das gewesen. Wir hatten schon relativ viele Stammkunden. Für den Laden war das eine Tragödie. Das war schon ernst.

Mansen: Die Stammgäste haben sich auch dann noch eine Zeit lang zurückgezogen, nachdem wir wieder regelmäßig geöffnet hatten. Das war natürlich ein bisschen demoralisierend für uns.

Euer Konzept ja stark darauf gestützt, dass sich der Mittagstisch durch Mitarbeiter vom Amtsgericht und von der Telekom trägt. Die Technische Universität Harburg ist nicht weit entfernt von hier. Habt ihr dort schon Werbung gemacht, um vielleicht Studenten stärker anzuziehen?

Britta: Das hat ein bisschen gedauert. Die Regeln der TU-Harburg sind recht strikt. Man muss dort für jede einzelne Veranstaltung, die man ankündigen möchte, eine Genehmigung beantragen. Das dauert nicht lange, aber es ist eine notwendige Formalität. Das muss man einmal ausfüllen, hinschicken, dann stempeln die das ab und schicken es zurück. Das geht recht einfach per Fax. Die letzten drei, vier Veranstaltungen haben wir so jetzt auch an der Uni ausgehängt. Aber in jedem Fall stellt unsere Zielgruppe stark auf die Studenten und Schüler ab.

Mansen_Britta-lachend

Hat sich in eurem Leben irgendetwas deutlich verändert seit ihr hier aufgemacht habt?

Mansen: Welches Leben? (lacht)

Britta: Genau (lacht mit)

Mansen: Also man kann nur sagen, wir arbeiten halt wirklich so zwischen 14-16 Stunden am Tag. Davon sind wir hier im Laden vielleicht 10,12, 13 Stunden, ich kann das nicht ausrechnen. Aber wir fangen morgens um sieben hier an und gehen, wenn es gut läuft, um 5 Uhr hier raus.

Britta:… halb sechs meistens.

Mansen: Aber danach kommen ja noch andere Sachen: Da müssen Einkäufe gemacht werden, eventuell sitzen wir dann auch zu Hause noch an Papieren, müssen Flyer verteilen oder im Internet noch die Homepage bearbeiten…

Ihr habt nicht die gesamte Woche geöffnet, oder doch?

Britta: Sechs Tage. Damit wir noch mal Wäsche waschen können.

Mansen: Und am Samstag machen wir erst ab 9  Uhr auf statt um 7:30 Uhr. Und Sonntag ist Ruhetag.

Wie machst du das mit dem Einkauf und der Kalkulation? Ihr wisst ja auch nie so genau, wie viele hier zum Mittag kommen.

Mansen: Das ist tatsächlich sehr, sehr schwierig.

Und dann ist beim Mittagstisch Geschwindigkeit natürlich ein Thema. Wenn man zum Mittagstisch kommt, dann hat man nicht viel Zeit, man möchte gut essen aber auch relativ schnell bedient werden.

Britta: Das ist ja dieser unglaubliche Balanceakt, vor dem ich auch noch sehr gespannt stehe.

Dann wünsche ich euch ein gutes Gespür für die richtigen nächsten Schritte beim Ausbau eures Betriebes. Vielen Dank für das Gespräch. Das war sehr spannend.

Aufgezeichnet von Manfred Troike am 2. Mai 2013

 

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