GranoVino – Bohne und Wein

Eppendorf, das  gastronomisch ja ohnehin schon einiges zu bieten hat, ist um eine kulinarische Besonderheit reicher geworden: Die Brüder Lars und Dirk Jacobsen haben mit dem „GranoVino“ in der Löwenstrasse 12, nahe der U-Bahn Station „Eppendorfer Baum“ eine Kombination aus Café, Weinlokal und Tapas-Bar eröffnet. Das Ambiente ist modern  und vermittelt dennoch einen sehr gemütlichen Eindruck. Man fühlt sich unmittelbar wohl in dieser angenehmen Umgebung. Der Raum gliedert sich durch die Art der Möblierung in vier verschiedene Zonen, die nahtlos ineinander übergehen: Ein aufgelockerter Bereich im vorderen Teil hinter den hellen großen Fenstern vermittelt klassische Café-Atmosphäre, ein kleiner Lounge-Bereich gegenüber bietet eine Wohlfühlumgebung zum lockeren Gespräch, zum Lesen  oder einfach zum entspannten Genießen. Tiefer im Raum Richtung Tresen geht die Raumgestaltung in ein klassisches Weinlokal über. Links schöne Tische, an denen man Lust hat, gehobene Küche bei gutem Wein zu genießen, rechts Hochtische, die Bar-Atmosphäre für gemütliche Weinproben vermitteln.

GranoVino, Tresenbereich

Mich fasziniert die Idee, Wein und Kaffee miteinander zu verbinden: Wein und Kaffee haben viele Gemeinsamkeiten. Beides sind Naturprodukte, auf deren Endergebnis der Verarbeiter sehr viel Einfluß nehmen kann. Beide sind, was  Ernte und Herstellung betrifft, sehr zeitaufwendig und arbeitsintensiv. Beides sind Genußmittel, bei denen sowohl Kenner als auch Anfänger große Unterschiede herausschmecken können. Deshalb bin ich sehr gespannt darauf, den Menschen näher kennenzulernen, der hinter diesem Konzept steht.

Vom Tresenbereich kommt mir Lars Jacobsen entgegen. Er ist der herzliche und kompetente Gastgeber dieses kleinen gastronomischen Juwels, in dem feines Essen, schöne Weine und wunderbar aromatischer Kaffee dem Gast Genuss für alle Sinne bieten. Mit 34 Jahren hat Lars den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Ich freue mich auf ein Gespräch mit ihm bei einer guten Tasse Kaffee.

Die Selbständigkeit beinhaltet ja immer auch ein Risiko. Ich frage Lars nach seinem Antrieb, sich auf dieses Wagnis einzulassen.

LarsJ acobsenLars Jacobsen hat Hotelfachmann gelernt. Er ist dann in verschiedenen Betrieben tätig gewesen, hat auch einige Zeit im Ausland verbracht. Der Traum,  einmal etwas Eigenes zu machen war bei ihm immer schon vorhanden. Für ihn war klar, er würde diesen Wunsch nach Selbständigkeit umsetzen, sobald zwei Rahmenbedingungen erfüllt wären: Zum einen musste das notwendige Grundkapital vorhanden sein, zum anderen wollte er diese Unternehmung keinesfalls allein angehen. Ein geeigneter Partner musste gefunden werden.

Schließlich wurde die Idee während eines Urlaubes im Oktober 2011  greifbar: Lars war zusammen mit seinem Bruder Dirk in Spanien. Dirk hatte Pläne, wieder nach Hamburg zurück zu ziehen.  So ergab sich der Gedanke,  etwas  zusammen zu machen. Ideen wurden entwickelt, Spanien inspirierte, die Arbeit am Konzept begann.

Viele Faktoren entscheiden über den Erfolg in der Gastronomie. Diese Faktoren sind eng miteinander verknüpft. Es reicht nicht, in einzelnen Punkten gut zu sein. Man muss  vieles beachten und richtig machen, um erfolgreich ein Gastronomieobjekt zu konzipieren und zu betreiben. Am Anfang stehen Glaubwürdigkeit, Enthusiasmus und ein Gespür für den Bedarf und den zukünftigen Trend.

Lars und Dirk haben das Konzept für GranoVino deshalb gemeinsam und schrittweise entwickelt. Was konkret entstehen sollte – ein Restaurant, eine Bar, ein Weinladen oder ein Café – das war zunächst völlig offen. Das Konzept ergab sich durch einen Kompromiss aus den Interessen der beiden Inhaber: Die Leidenschaft von Dirk Jacobsen ist Kaffee. Er hatte daher den Gedanken, ein Art Coffee-Shop zu betreiben. Damit konnte sich aber Lars nicht vollständig  identifizieren. Lars hat in 15 Jahren seine Erfahrungen in der Gastronomie und Hotellerie gesammelt und die letzten vier Jahre im Weinhandel gearbeitet. Er wollte daher gern  etwas mit Gastronomie und mit Wein machen.

Das Gesamtkonzept haben beide dann vom Standort abhängig gemacht. Als der Standort klar war, hat sich alles weitere herauskristallisiert. Das Ergebnis ist eine Kombination aus Weinlokal, Café und Tapas-Bar mit feiner Küche.

Wichtig ist, dass die beiden Inhaber mit diesem Ansatz, der ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht, auch den Bedarf treffen. Mit der Kombination aus zwei Genuss-Produkten, Wein und Kaffee, haben sie auf jeden Fall zwei Schwerpunkte, die im Trend liegen. Das Einzugsgebiet in der zentralen Lage von Hamburg-Eppendorf bietet zudem viel Gästepotential für dieses Konzept. Natürlich gibt es in dieser Lage auch jede Menge Konkurrenz, aber die Kombination aus Wein-Bar und selbst geröstetem Kaffee bietet ein Alleinstellungsmerkmal.

So haben die beiden Inhaber auch darauf geachtet, dass die Bausteine Wein und Kaffee im Namen ihres Gastronomie-Betriebes vorkommen. „Vino“ ist der Wein, „Grano“ ist die Kaffeebohne (manchmal auch mit „Getreide“ übersetzt). Die Variante „Grano y Vino“ war vom Sprechfluss her zu sperrig. Daher wurde das „y“ weggelassen. Es entstand ein Fantasiewort, das sich gut aussprechen lässt und in dem eine Bedeutung mitschwingt.

Kaffee "Granocca"

Den Kaffee  röstet das junge Unternehmen in Kooperation mit Quijote, einer kleinen Hamburger Rösterei. Quijote-Kaffee kauft biologisch und nachhaltig angebauten Kaffee selbst ein und röstet ganz nach Kundenwunsch im handwerklichen Verfahren. Gründer des Quijote Kollektivs ist „Pingo“ Andreas Felsen, geb. 1973 in Hamburg. Das Quijote-Team besteht derzeit aus vier engagierten Kaffee-Experten, die sich der  Herausforderung stellen, ihre Ideale in der Welt des Kaffees zu verwirklichen. Gemeinsam mit diesen  Kaffee-Experten röstet GranoVino den eigenen Kaffee. Auch das Verpacken und Etikettieren übernimmt GranoVino selbst.

Ihr Marketing-Konzept haben die beiden Inhaber selbst erarbeitet. Hier hat geholfen, dass Dirk Jacobsen, der aktuell noch parallel bei einer Firma in Stuttgart arbeitet, in den Bereichen Marketing und Vertrieb zu Hause ist. Seine Freundin ist Grafikerin in einer Agentur. Die drei haben sich  zusammengesetzt und sehr viel in Eigenleistung geschaffen.

Damit hat das Gründer-Team vom Start weg die drei wichtigsten Grundfertigkeiten eingebracht: Die gastronomische Basis ist bei Lars Jacobsen schon durch die Ausbildung gegeben. Der zweite wichtige Bereich ist ‚Marketing und Werbung‘, der durch seinen Bruder Dirk abgedeckt wird. In der inhabergeführten Gastronomie kommt dieses Thema oft zu kurz, weil entweder die Kompetenz dafür nicht da ist oder sich die Zeit dafür nicht genommen wird. Außerdem kann es sich ein kleiner Betrieb nicht leisten, eine große Agentur mit der Website zu beauftragen. Das ist einfach zu teuer. Die dritte Fertigkeit ist dann der geschäftsführende Teil der Arbeit. Oft gehen neue Geschäfte auch dadurch wieder ein, dass in diesem Bereich nicht sinnvoll gehandelt wird.  Im GranoVino macht Dirk Jacobsen im Wesentlichen die Buchhaltung. Die Brüder haben eine klare Aufgabenteilung.

Ein entscheidender Erfolgsfaktor: Ein Gastronomie-Betrieb braucht die richtigen Mitarbeiter und die Mitarbeiter den richtigen Chef. Das klingt ganz einfach, ist aber oft die größte Herausforderung.

GranoVino hat einen fest angestellten Koch.  Ansonsten arbeitet man mit geringfügig Beschäftigten im Service. Derzeit ist das Geschäft ja noch überschaubar. Aber die beiden Inhaber denken durchaus in größeren Dimensionen. Lars sagt:  „Wenn alles größer wird – vielleicht mit einem zweiten oder dritten Betrieb – dann sehen wir weiter. Klar, Zeitarbeit ist auch eine Idee. Wobei Zeitarbeit in der Gastronomie immer recht speziell ist, das geht gut für große Betriebe. Für kleine Betriebe funktioniert es nicht.“

GranoVino, Weine

Bei Wein ist ja Spezialwissen gefordert. Als Gast erwartet man da vom  Service eigentlich einen gewissen fachlichen Hintergrund. Mich interessiert, wie so ein Konzept  funktioniert, wenn der Inhaber einmal nicht selbst zugegen ist.

Lars lacht: „Natürlich muss ich auch die Möglichkeit haben, mich mal herauszuziehen. Deshalb haben wir einen kleinen Wein-Navigator mit Anhaltspunkten zur  Säure, trocken, kräftiger, leichter… darin sind die Weine gut beschrieben.  Unsere Servicekräfte werden von mir natürlich auch intensiv geschult, so dass die Gäste stets gut beraten werden – auch wenn ich nicht selbst vor Ort bin. Allerdings wird Beratung auch nur in einem gewissen Maße vom Gast eingefordert.  Viele haben noch Schwellenangst und fragen gar nicht so sehr nach. Dann drängen wir uns auch nicht auf, mit Wissen und Beratung. Ich frage natürlich nach:  Darf ich Sie beraten? Welcher Wein-Typ sind Sie? Aber man merkt schnell, wann man vorsichtig sein muss. Einige Gäste finden es ganz bequem, nachlesen zu können, und probieren dann einen Wein aus, dessen Beschreibung ihnen gefällt.“

GranoVino, Lounge

Ein bedeutender Erfolgsfaktor ist ein zielgerichtetes Marketing. Dafür braucht man kein Studium, sondern vor allem ein gutes Gespür für seine Gäste. Viele Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, haben dieses Gespür intuitiv, weil sie den Umgang mit Menschen lieben. Zusätzlich braucht man trotzdem eine Marketingstrategie, um langfristig den Erfolg zu sichern. Diese Strategie muss gastronomie- und standortgerecht sein.

GranoVino hat bisher hauptsächlich über die klassischen Kanäle  auf sich aufmerksam gemacht. Man ist zwar auch in Online-Medien wie Facebook oder Qype präsent. Aber gerade zu Beginn gilt es, verschiedene Wege vorsichtig zu testen, sagt Lars. Neben Werbung, die zunächst erst einmal gezielt auf den Stadtteil ausgerichtet war, wird einmal pro Monat ein besonderes Event im GranoVino geboten. Das Thema wechselt dabei immer. Das kann mal ein moderiertes Wein-Menü sein, mit 3 oder 4 Gängen. Dann gibt es zu jedem Gang einen anderen Wein, der kurz von Lars vorgestellt wird. Das Ganze steht unter einem Thema: mal Portugal, mal Italien, mal Spanien. Auch  eine Weinprobe gehörte schon einmal dazu.  Im April steht dieser besondere Abend unter dem Titel „Kurzurlaub in Portugal“, ein 3-Gang-Menü mit begleitenden Weinen, zu denen es jeweils eine persönliche Erläuterung gibt.

GranoVino, Cafe-Zone

Auf die Frage nach den wichtigsten Erfahrungen aus der Gründungszeit antwortet Lars: „Rückblickend kann ich sagen, wir hätten mit Werbemaßnahmen noch ein bisschen früher anfangen können. Wir hätten auch bei der Personalakquise noch Unterstützung brauchen können, das war ein ziemlich zähes Thema. Das stand anfangs doch auf sehr wackeligen Beinen, aber es hat sich schließlich alles gefügt. Und mittlerweile, das muss ich sagen, funktioniert das doch ganz gut. Wir ziehen hier alle an einem Strang.“

Zum Schluss möchte ich von Lars wissen, was  sich in seinem Leben verändert hat, seit er das GranoVino führt.

„Verantwortung hatte ich ja auch vorher schon, im Angestelltenverhältnis“,  antwortet Lars. „Gerade in der Gastronomie übernimmt man schon früh Verantwortung, auch wenn man noch recht jung ist. Ich habe auch früher schon Teams mit vier oder fünf Mitarbeitern angeleitet. Und auch dort musste man sich um vieles selber kümmern. Von daher ist es gar keine so große Veränderung, was die Verantwortung angeht. Man ist jetzt natürlich langfristig gebunden. Man kann nicht so einfach sagen:  Ach, ich mach jetzt mal was anderes.  Ansonsten habe ich nun erst einmal unheimlich wenig Freizeit. Privatleben gibt es kaum noch. Zwar kann ich mich am Montag, unserem Ruhetag, etwas zurück ziehen. Das klappt aber auch nur, weil ich den Betrieb mit meinem Bruder zusammen führe. Ansonsten würde ich montags wahrscheinlich im Büro sitzen und vielleicht die Buchhaltung machen. Wobei natürlich am Montag auch Lieferanten anrufen, weil sie nicht wissen, dass wir Ruhetag haben.“

GranoVino-Schild

Wichtig für den Erfolg einer Unternehmung ist immer auch die Entwicklungsfähigkeit des Gründers: Je schneller jemand aus negativen und positiven Erfahrungen lernt desto flexibler kann er sich auf verändernde Bedingungen einstellen.

Eine Existenzgründung stellt eine Herausforderung dar mit vielen spannenden und interessanten Erfahrungen. Lars und Dirk Jacobsen, die diesen Weg gehen, wünsche ich viel Erfolg.

Aufgezeichnet von Manfred Troike

22. März 2013

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Nachtrag vom 19. Juli 2015:

Das GranoVino hat inzwischen geschlossen und wurde von den Brüdern Jacobsen Anfang Juli 2015 verkauft. Das Konzept hat sich offenbar doch nicht so gut bewährt wie erhofft. Die Risiken in der Gastronomie sind eben schwer vorhersagbar.

Siehe dazu: GranoVino geschlossen, 18. Juli 2015


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